
Das Prinzip des Abends im Club Voltaire war einfach und vielversprechend: Solo-Duo-Trio. Bei der Clubnacht des Deutschen Jazzfestivals Frankfurt, veranstaltet vom Forum Improvisierter Musik (F.I.M.), sollte sich die Musik im Laufe des Konzerts schrittweise erweitern. Den Anfang machte der Frankfurter Schlagzeuger Uli Schiffelholz, bevor das Duo Witch ’n’ Monk die Bühne übernahm. Zum Abschluss kamen alle drei Musiker zusammen. Was dabei entstand, war ein Abend mit eigenwilligen Klängen, überraschenden Wendungen und einer Begegnung, die gerade im letzten Teil noch mehr Raum verdient hätte.
Wenn das Schlagzeug zur Klangquelle wird
Uli Schiffelholz eröffnete das Konzert mit einem Solo, das gleich deutlich machte, dass ein Schlagzeug weit mehr sein kann als ein Instrument für Rhythmus und Takt. Mitunter strich er über die Trommeln, statt sie anzuschlagen, und entlockte ihnen leise, beinahe schwebende Töne. Aus dem vertrauten Instrumentarium entwickelte sich so eine Klanglandschaft, in der einzelne Geräusche fast melodisch wirkten. Der Auftakt war weniger eine Demonstration technischer Virtuosität als eine Einladung, genau hinzuhören und die Möglichkeiten des Instruments neu wahrzunehmen.
Anschließend übernahmen Witch ’n’ Monk den Duo-Part des Abends. Das Projekt des kolumbianischen Flötisten Mauricio Velasierra und der britischen Gitarristin und Sängerin Heidi Heidelberg lässt sich nur schwer in eine eindeutige Genre-Schublade stecken. Jazz, Punk und südamerikanische Folklore werden häufig als Bezugspunkte genannt. Im Konzert waren solche Einordnungen allerdings weniger hilfreich als der Blick auf die eigenständige Klangsprache des Duos.
Flöten, Gitarre und Loops
Vor den beiden Musikern türmten sich Effektgeräte und Loop-Stationen. Velasierra spielte Flöten aus den Anden, verfremdete deren Klänge jedoch so stark, dass die Herkunft der Instrumente bisweilen kaum noch auszumachen war. Auch Heidelberg behandelte ihre Gitarre nicht als bloßes Melodie- oder Begleitinstrument. Effekte und elektronische Bearbeitung verwandelten ihren Sound, während live aufgenommene Loops nach und nach eine vielschichtige Grundlage bildeten.
Diese Schichten gaben der Musik Halt, ohne die Bewegungsfreiheit der beiden Musiker einzuschränken.

Über den aufgebauten Klangflächen konnten sie neue Linien entwickeln, Motive aufgreifen oder in andere Richtungen führen. Die Stücke waren dabei durchaus komponiert und nicht einfach freie Improvisationen. Gerade das Zusammenspiel aus vorgegebener Struktur und offenem Klangexperiment machte ihren Reiz aus. Die Musik wirkte bisweilen sperrig, entwickelte aber eine eigene innere Logik, die sich nicht an vertrauten Genregrenzen orientierte.
Besonders spannend wurde es, als das Duo ein neues Stück mit der Frage ankündigte, wie es wohl klingen würde, wenn zwei künstliche Intelligenzen auf der Bühne miteinander improvisierten. Die Antwort fiel anders aus, als man vielleicht erwartet hätte. Zwischenzeitlich erinnerten die Klänge an Computerspiele der 1990er-Jahre, dann kippte das Stück in düstere, beinahe atonale Passagen. Statt einer glatten, gefälligen Klangwelt entstand etwas Brüchiges und Unheimliches.
Die Idee ließ sich durchaus als Kommentar auf die Möglichkeiten und Grenzen künstlicher Intelligenz verstehen. Systeme dieser Art greifen auf vorhandene Daten und Muster zurück. Was geschieht, wenn man ihnen die Aufgabe stellt, daraus etwas Neues zu entwickeln? Das Stück lieferte keine eindeutige Antwort, eröffnete aber einen interessanten musikalischen Raum. Vor allem führte es die Klangsprache von Witch ’n’ Monk in eine dunklere Richtung und zeigte, wie konsequent das Duo mit Erwartungen spielt.
Das Trio: Eine Begegnung mit weiterem Potenzial
Im letzten Teil kam Uli Schiffelholz zu Witch ’n’ Monk auf die Bühne. Damit war das angekündigte Prinzip Solo-Duo-Trio vollständig, und aus dem zuvor etablierten Klanggefüge konnte eine neue Konstellation entstehen. Besonders in den Momenten, in denen Velasierra seine Flöte loopte und den Sound anschließend weiter bearbeitete, wurde hörbar, welche Möglichkeiten in dieser Begegnung steckten. Aus einem einzelnen Flötenklang entstand eine vielschichtige Struktur, die sich fortwährend veränderte.
Allerdings blieb für diese Entwicklung nur begrenzt Zeit. Über weite Strecken wirkte es, als spielten Witch ’n’ Monk ihr vertrautes Set weiter, während Schiffelholz zusätzliche Akzente setzte. Das funktionierte durchaus und fand beim Publikum großen Anklang. Doch die Konstellation hätte noch mehr zu bieten gehabt. Interessant wäre etwa gewesen, wenn das Schlagzeug selbst eine tragende rhythmische oder klangliche Grundlage übernommen hätte, auf der sich Velasierra und Heidelberg freier hätten bewegen können.
Dabei geht es weniger um eine vermeintlich fehlende Abstimmung als um die besondere Situation einer solchen Begegnung: Zwei Musiker, die ihre gemeinsame Klangsprache über längere Zeit entwickelt haben, treffen auf einen dritten, der eigene Erfahrungen und Ideen einbringt. Daraus kann sich etwas entwickeln, das über die Summe der Einzelteile hinausgeht. Im Club Voltaire waren solche Ansätze zu hören, doch der Trio-Part endete, bevor sich die Möglichkeiten dieser Konstellation vollständig entfalten konnten.

Ein überzeugender Abend mit offenem Ende
Witch ’n’ Monk überzeugten mit einer Musik, die sich einfachen Kategorien entzieht und ihre Eigenständigkeit gerade aus der Verfremdung vertrauter Klänge gewinnt. Flöten, Gitarre, und Stimme wurden zu Bausteinen eines beweglichen Klanggefüges, das zwischen komponierter Form und improvisatorischer Freiheit wechselte. Uli Schiffelholz setzte mit seinem Solo einen aufmerksamen, differenzierten Auftakt und brachte im Trio eine weitere Perspektive ein.
Dass die gemeinsame Passage etwas kurz geriet, war deshalb weniger ein wirklicher Schwachpunkt als eine verpasste Gelegenheit. Gerade weil das Zusammenspiel bereits interessante Ansätze zeigte, hätte man den drei Musikern gern noch mehr Zeit gegeben, sich aufeinander einzustellen und die gemeinsame Klangwelt weiterzuentwickeln. Das Publikum reagierte begeistert. Zurück blieb der Eindruck eines eigenständigen, musikalisch überzeugenden Abends, dessen letzte Etappe durchaus noch länger hätte dauern dürfen.
Club Voltaire, Frankfurt am Main, 16. Oktober 2026




