
Ein Großwildjäger wird zum Gejagten: Mit „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ machten Ernest B. Schoedsack und Irving Pichel 1932 aus einer makabren Jagdgeschichte einen frühen Horrorfilm über Zivilisation, Macht und die Lust am Töten. Und Leslie Banks gibt dem titelgebenden Bösewicht eine Faszination, die bis heute nachwirkt.
Der Jäger, der seine Beute wechselt
Viel Zeit lässt sich „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ nicht. Ein Schiffbruch, eine einsame Insel, ein geheimnisvolles Herrenhaus, verschwundene Schiffbrüchige, ein Raum voller menschlicher Trophäen und schließlich die Jagd auf Menschen: In gerade einmal 63 Minuten bringt der Film erstaunlich viel unter. Und obwohl manches davon heute wie ein vertrautes Genreklischee wirkt, besitzt die Geschichte noch immer eine bemerkenswerte Konsequenz.
Im Mittelpunkt steht Robert „Bob“ Rainsford (Joel McCrea), ein gefeierter Großwildjäger. Schon auf dem Schiff wird seine Leidenschaft für die Jagd infrage gestellt. Der Arzt, mit dem er diskutiert, weist auf den Widerspruch hin, dass das Tier, das zum Überleben tötet, als wild gilt, während der Mensch, der aus Vergnügen tötet, sich zivilisiert nennt. Rainsford hält dagegen: Die Welt sei nun einmal in Jäger und Gejagte geteilt. Er selbst gehöre glücklicherweise zur ersten Gruppe.
Wenig später wird seine Gewissheit in Frage gestellt. Nach dem Schiffbruch landet Rainsford auf der Insel des Grafen Zaroff (Leslie Banks), eines russischen Aristokraten, der dort seine ganz eigene Vorstellung von Unterhaltung entwickelt hat. Die Tiere, die er einst jagte, sind ihm zu harmlos geworden. Der Mensch ist für ihn das einzig wirklich gefährliche Wild.
Damit dreht der Film die Perspektive seiner Hauptfigur konsequent um. Rainsford muss plötzlich mit genau jener Situation zurechtkommen, die er als Jäger bislang anderen Lebewesen zugemutet hat. Statt moderner Jagdwaffen bleiben ihm nur Messer, Fallen und sein eigener Verstand, während Zaroff ihm zunächst mit Pfeil und Bogen, später mit Gewehr und Hundemeute folgt.
Das ist mehr als nur ein effektiver Abenteuerplot. Denn der Film lässt seinen Helden tatsächlich in die Position des Gejagten geraten, die er zuvor kaum als moralisches Problem wahrgenommen hat. Seine eigene Logik wendet sich schließlich gegen ihn.
Leslie Banks und die Faszination des Bösen
Der eigentliche Grund, warum „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ auch nach fast hundert Jahren noch so gut funktioniert, ist allerdings weniger die Handlung als Leslie Banks.
Banks spielt Zaroff nicht als eindimensionalen Irren. Zunächst ist er ein kultivierter Gastgeber, höflich, gebildet und ausgesprochen charmant. Er kennt Rainsfords Bücher, interessiert sich für seine Jagderfahrungen und empfängt die Schiffbrüchigen mit einer Form aristokratischer Gastfreundschaft. Dazu kommen sein Klavierspiel, seine gepflegte Erscheinung und eine fast rauschhafte Leidenschaft, mit der er über die Jagd spricht.
Gerade darin liegt die Widersprüchlichkeit dieser Figur. Zaroff ist nicht der Wilde, als den die Argumentation des Films den Menschenjäger eigentlich ausweisen müsste. Er ist vielmehr ein Mann, der seine Grausamkeit vollständig in die Formen der Zivilisation eingebaut hat. Er spricht über Jagd, Liebe, Kunst und Kultur, während er gleichzeitig Menschenleben zum Gegenstand seiner persönlichen Unterhaltung macht.
Banks macht aus diesem Widerspruch eine geradezu körperliche Präsenz. Sein Zaroff kann anziehend wirken und im nächsten Moment bedrohlich werden. Die kultivierte Oberfläche bleibt lange bestehen, doch darunter arbeitet bereits die Manie. Besonders faszinierend ist der Moment, in dem seine kontrollierte Leidenschaft kippt und aus dem eleganten Gastgeber der Jäger wird.
Auch das Klavierspiel bekommt dadurch eine eigentümliche Funktion. Der kultivierte Bösewicht, der zwischen seinen Mordfantasien noch musiziert, ist heute beinahe ein vertrautes Motiv. 1932 wirkt es allerdings noch weniger abgenutzt. Zaroff gehört damit zu jener frühen Reihe von Filmschurken, bei denen Bildung, Kunstsinn und Grausamkeit nicht Gegensätze bilden. Gerade die scheinbare Kultiviertheit macht die Monstrosität sichtbar.

Zaroff spricht mehrfach davon, dass zunächst die Beute erlegt werden müsse und danach die Liebe komme. Darin steckt eine archaische Vorstellung von Männlichkeit, in der Eroberung und Begehren unmittelbar miteinander verbunden sind. Der Film macht daraus keinen subtilen psychologischen Diskurs, aber Banks verleiht dem Gedanken eine unangenehme Konsequenz: Bei Zaroff ist die Jagd nicht bloß Hobby, sondern Ausdruck seiner gesamten Vorstellung von Macht, Sexualität und Überlegenheit.
Ein altes Spiel mit erstaunlich modernen Zügen
Fay Wray, die ein Jahr später in „King Kong“ zur Ikone werden sollte, hat als Eve Trowbridge eine deutlich weniger aktive Rolle. Sie ist weniger Gegenpol als Teil des Spiels, das Zaroff mit seinen Gästen treibt. Besonders wirkungsvoll ist die Szene im sogenannten Game Room, als Eve begreift, was der Graf tatsächlich jagt und dass ihr Bruder das nächste Opfer sein könnte. Später im Dschungel reduziert sich ihre Rolle zunehmend darauf, möglichst lautlos und unsichtbar zu bleiben.
Das mag aus heutiger Perspektive etwas unausgewogen wirken. Gleichzeitig gehört genau diese Reduktion zur Logik des Films: Wer von Zaroff als Beute ausgewählt wird, verliert zunächst seine gesellschaftliche Position und wird zum Objekt seiner Jagd.
Überhaupt ist „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ erstaunlich modern in seiner Grundidee. Der Film handelt von einem Menschen, dem die gewöhnlichen Grenzen nicht mehr genügen. Weil die normale Jagd keinen Nervenkitzel mehr bietet, muss das Spiel gesteigert werden. Aus Tieren werden Menschen, aus der Jagd wird eine Inszenierung, aus dem Töten ein Zeitvertreib.
Wenn der Mensch zur Beute wird
Das wirkt heute weniger fern, als es zunächst scheint. Nicht weil der Film eine konkrete moderne Entwicklung vorweggenommen hätte, sondern weil seine Grundidee vertraut geblieben ist: Unterhaltung kann immer weiter gesteigert werden, wenn das Gewöhnliche seinen Reiz verliert. Der entscheidende Schritt bei Zaroff besteht darin, dass er andere Menschen nicht mehr als gleichwertige Gegenüber wahrnimmt, sondern als Teilnehmer eines Spiels, dessen Regeln ausschließlich er bestimmt.

Vielleicht liegt genau darin die nachhaltigste Qualität des Films. Zaroff ist nicht deshalb gefährlich, weil er keine Regeln kennt. Er ist gefährlich, weil er sich seine eigenen Regeln schaffen kann und glaubt, damit jedes Handeln rechtfertigen zu dürfen.
Und Rainsford muss am Ende nicht nur um sein Leben kämpfen. Er muss sich in einer Welt behaupten, in der seine eigene frühere Rolle plötzlich gegen ihn gewendet wird: Der Jäger ist zum Wild geworden.
„Graf Zaroff – Genie des Bösen“ ist deshalb weit mehr als ein historisches Kuriosum des frühen Horrorfilms. Der Film ist kurz, teilweise überzeichnet und aus heutiger Sicht nicht frei von Genreklischees. Doch in Leslie Banks’ Zaroff findet er eine Figur, deren Mischung aus Kultiviertheit, Leidenschaft und Gewalt bis heute beunruhigend wirkt. Vielleicht gerade deshalb, weil der Film eine unangenehme Frage offenlässt: Wie dünn ist die Grenze zwischen dem zivilisierten Spiel und der Lust an der Macht, wenn der andere nur noch als Beute angesehen wird?
- Regie: Ernest B. Schoedsack, Irving Pichel
- Drehbuch: James Ashmore Creelman, Richard Connell (Kurzgeschichte)
- Produktion: Merian C. Cooper, David O. Selznick
- Kamera: Henry W. Gerrard
- Schnitt: Archie Marshek
- Musik: Max Steiner
- Cast: Leslie Banks (Graf Zaroff), Joel McCrea (Robert „Bob“ Rainsford), Fay Wray (Eve Trowbridge), Robert Armstrong (Martin Trowbridge), Noble Johnson (Iwan), Steve Clemente (Tartar), William B. Davidson (Kapitän)
- Produktionsland: Vereinigte Staaten
- Originalsprache: Englisch
- Länge: 63 Minuten




