
Das erste Gefühl beim Betreten ist Enge. Die Heussenstamm Galerie wirkt plötzlich kleiner, beengter, als würde man in einen riesigen Papierball eindringen, zusammengeküddelt und bereit, in den Papierkorb geworfen zu werden. Je weiter man in den Raum geht, desto stärker wird dieses Gefühl. Doch nach einiger Zeit verändert sich die Wahrnehmung. Was zunächst wie eine Verdichtung wirkt, beginnt sich aufzulösen. Der Papierball scheint sich auszudehnen, dringt bis in den hinteren Teil der Galerie vor und wächst sogar in den oberen Stock hinein. Aus der Enge wird Weite.
Katrin Pauls Ausstellung Innendrindrumherum trägt den Untertitel „Überlegungen zur Ausdehnung“. Das klingt zunächst nach einem theoretischen Konzept. In der Heussenstamm Galerie wird daraus jedoch eine körperliche Erfahrung. Man betrachtet die Installation nicht einfach, sondern bewegt sich durch sie. Der Raum verändert sich, je länger man darin bleibt.
Papier als Material
Katrin Paul arbeitet mit Papier, genauer gesagt mit relativ schwerem Fotopapier. Das Material verweist auf ihre eigenen Anfänge, denn sie studierte Foto-Design und Media Art und beschäftigte sich zunächst intensiv mit Fotografie. Später führte ihr Weg nach Japan. Dort begegnete sie einer Kultur, in der Papier weit mehr ist als ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand: Origami, Shoji (die japanischen Schiebetüren aus Papier), Fächer oder Laternen zeigen ganz unterschiedliche Möglichkeiten, mit dem Material umzugehen.
In Innendrindrumherum wird Papier allerdings nicht gefaltet, geordnet oder verziert. Es wird gedrückt, zerknüllt, zerrissen und gewickelt. Gerade das schwere Fotopapier dürfte dabei einiges an körperlicher Kraft erfordern. Der Arbeitsprozess bleibt in der fertigen Installation unsichtbar, ist aber trotzdem präsent.
Dabei erinnert die Form des Papierballs weniger an die kunstvollen und kontrollierten Papierarbeiten, die man mit Japan verbindet, als an etwas sehr Alltägliches: den Papierkorb im Büro. Etwas wird ausgedruckt, für unbrauchbar erklärt, zerknüllt und weggeworfen. Ein Entwurf, eine Notiz, ein Ausdruck mit einem Fehler. Papier ist billig, allgegenwärtig und jederzeit ersetzbar.
Und damit beginnt die Installation, über das Material hinauszuweisen.
Wer ist der Fehler?
Denn warum wird Papier eigentlich zerknüllt? Vielleicht, weil etwas darauf nicht stimmt. Ein Fehler wurde gemacht, ein Entwurf funktioniert nicht, eine Idee ist gescheitert. Das Blatt wird unbrauchbar und verschwindet im Papierkorb.
Doch das Papier in Katrin Pauls Installation ist weiß. Wenn wir uns vorstellen, dass wir selbst das sind, was normalerweise auf diesem Papier steht, verschiebt sich die Frage: Wer ist dann der Fehler?
Werden wir ebenfalls zerknüllt und weggeworfen, wenn wir den Erwartungen nicht entsprechen? Was geschieht mit Menschen, die in einem System aus Leistung, Effizienz und ständiger Verfügbarkeit nicht funktionieren? Und wann wird aus dem Druck, der auf uns ausgeübt wird, selbst ein Problem?
Das sind keine Fragen, die das Kunstwerk eindeutig beantwortet. Gerade deshalb funktionieren sie. Das Papier kann für Konsum und Wegwerfgesellschaft stehen, für Büroalltag und ökologische Verschwendung. Es kann aber ebenso zum Bild für persönliche Überforderung werden. Ein einzelnes zerknülltes Blatt ist bedeutungslos. Millionen davon sind es nicht. Und vielleicht gilt Ähnliches auch für das, was wir mit Menschen tun, wenn wir sie nach ihrer Verwendbarkeit beurteilen.

Von der Verdichtung zur Befreiung
Doch das Zerknüllen ist nicht der Endpunkt. Das Entscheidende an Innendrindrumherum ist die Bewegung, die sich daraus entwickelt. Auf die Verdichtung folgt die Ausdehnung. Das Zusammengeballte drängt wieder auseinander und nimmt zunehmend Raum ein.
Damit verändert sich auch die mögliche Lesart des Werkes. Vielleicht geht es nicht nur um Druck, sondern um die Kraft, die aus Druck entstehen kann. Was zusammengedrängt wurde, kann sich wieder ausbreiten. Was als Fehler aussortiert wurde, kann zurückkehren.
Der Papierball wird damit zu einem widersprüchlichen Bild: Er wirkt zunächst wie ein Gefängnis, entwickelt sich aber zugleich zu einer Kraft, die den Raum erobert. Aus Einschränkung wird Befreiung, aus Verdichtung Ausdehnung.
Frankfurt als Hintergrund
In Frankfurt bekommt diese Interpretation einen besonderen Resonanzraum. Die Bürotürme der Stadt sind weithin sichtbar und stehen für eine Arbeitswelt, in der Papier, Daten, Entwürfe und Entscheidungen täglich produziert werden. Vieles davon wird irgendwann überflüssig und verschwindet.
Die Installation stellt diesen Gedanken nicht plakativ aus. Gerade ihre Materialität reicht dafür aus. Das Papier, das normalerweise flach auf einem Schreibtisch liegt, wird zum raumgreifenden Objekt. Aus einem Gebrauchsgegenstand wird etwas, das sich nicht mehr einfach beseitigen lässt.
Interessant ist außerdem, wie stark sich die Wirkung der Installation mit der Anzahl der Menschen im Raum verändert. Ist die Galerie leer, kann die Ausdehnung des Papierballs fast befreiend wirken. Füllt sich der Raum, wird die Installation dagegen tatsächlich körperlich beengend. Plötzlich ist die Enge nicht mehr nur eine Vorstellung, sondern wird gemeinsam erfahren.
Deshalb dürften auch der Barabend und der Talk, die im Rahmen der Ausstellung stattfinden, eine interessante Ergänzung sein. Sie verändern nicht das Kunstwerk, aber sie verändern die Bedingungen, unter denen man es erlebt.
Papier in Bewegung
Im oberen Stockwerk bleibt der Papierball nicht vollständig präsent. Hier findet sich Raum für eine zweite Arbeit: Versammlung Surrender.
Drei Stäbe drehen sich und wickeln dabei Papierbahnen auf. Das Papier bewegt sich ständig zwischen Ordnung und Unordnung. Mal entstehen beinahe sauber aufgewickelte Bahnen, dann löst sich diese Ordnung wieder auf. Das Material wird verdichtet, bewegt und erneut freigegeben.
Damit entsteht eine interessante Ergänzung zum Hauptwerk. Innendrindrumherum nimmt Bewegung vorweg. Das Papier scheint sich auszudehnen, bleibt dabei aber letztlich statisch. Versammlung Surrender macht diese Bewegung tatsächlich sichtbar. Hier dreht sich etwas, wickelt sich auf, verdichtet sich und löst sich wieder.
Beide Arbeiten erzählen damit auf unterschiedliche Weise von Verdichtung und Freisetzung, von Stillstand und Bewegung.

Die Katze bringt Unordnung
Und dann gibt es noch einen kleinen Bruch mit der Ernsthaftigkeit der Ausstellung.
An einer Wand hängt ein Tablet, auf dem ein Video zu sehen ist. Wieder tauchen Papierknäuele auf, wieder dominiert das Weiß. Doch plötzlich bewegt sich etwas Schwarzes durch das Bild. Der Schwanz einer Katze gerät ins Bild und bringt Bewegung in das Papier. Er schiebt, zerrt und verändert die sorgfältig entstandenen Formen.
Es ist ein beinahe beiläufiger Moment, aber gerade deshalb funktioniert er. Die Katze bringt etwas Spielerisches in eine Ausstellung, die sich ansonsten stark mit Druck, Verdichtung und Befreiung beschäftigt. Wo Katrin Paul das Papier mit körperlicher Kraft verändert, geschieht die Veränderung hier fast zufällig.
Vielleicht ist das sogar die charmanteste Idee der Ausstellung: Papier muss nicht immer mit Gewalt befreit werden. Manchmal reicht ein kleiner Impuls von außen.
Ein Raum, der sich verändert
Katrin Paul macht in Innendrindrumherum den Raum selbst zum Bestandteil ihrer Arbeit. Die Installation ist nicht einfach ein Objekt, das man von außen betrachtet. Sie verändert die Wahrnehmung der Galerie und damit auch die eigene Position darin.
Zuerst fühlt man sich eingeengt. Dann beginnt sich diese Enge aufzulösen. Der Papierball wächst über seine ursprüngliche Begrenzung hinaus und macht aus einem scheinbar geschlossenen Raum einen offenen.
Vielleicht ist genau das die Ausdehnung, von der der Untertitel spricht. Nicht nur das Papier breitet sich aus. Auch die Möglichkeiten, das Material zu verstehen, werden größer. Aus Papier wird Büroabfall, aus Büroabfall wird Konsumkritik, daraus Leistungsdruck und schließlich die Frage, ob das, was wir als Fehler aussortieren, nicht gerade deshalb wieder sichtbar werden sollte.
Innendrindrumherum gibt darauf keine eindeutige Antwort. Aber die Ausstellung schafft einen Raum, in dem man diese Fragen körperlich erfahren kann. Und manchmal ist das überzeugender als jede Erklärung.
Katrin Paul: Innendrindrumherum. Überlegungen zur Ausdehnung
- Ausstellung: 2. September – 3. Oktober 2026
- Ort: Galerie Heussenstamm, Frankfurt am Main
- Barabend: Mittwoch, 16. September 2026, 18:00 Uhr
- Eat, Art & Talk: Samstag, 3. Oktober 2026, 18:00 Uhr




