The Sisters of Mercy in der Batschkapp: Nebel und Gegenlicht

Nebel und Gegenlicht. Das sind die ersten Eindrücke dieses Abends. Als The Sisters of Mercy an 04.10.2026 die Bühne betreten, sind Andrew Eldritch, Ben Christo und Kai zunächst kaum mehr als schwarze Silhouetten vor farbigem Licht. Der Nebel bleibt das ganze Konzert über. Nur die Farben ändern sich, umrahmen die drei Musiker immer wieder neu. Viel mehr gibt die Bühne von der Band nicht preis.

Es ist eine konsequente Inszenierung, die gut zu den Sisters of Mercy passt. Die Band bleibt im Halbdunkel, schwer greifbar und ein wenig entrückt. Die Musik dagegen steht im Mittelpunkt.

Ein nervöser Auftakt

Im Vorprogramm spielen Real Farmer aus Groningen. Der Sound des niederländischen Quartetts erinnert zunächst an die frühen Talking Heads: nervös, kantig und getrieben vom Gesang ihres Sängers Jeroen Klootsema. Später wechselt er stärker in die klassische Punkgestik des Shouters. Das ist sympathisch und handwerklich überzeugend, bleibt an diesem Abend aber doch die Einleitung.

Nach einer guten halben Stunde verlässt die Band die Bühne. Es folgt die Umbaupause, während der die Bühne bereits zunehmend im Nebel verschwindet. Dann wird es dunkel und die Sisters betreten die Bühne.

Zurück zum Rock

Musikalisch fällt zunächst auf, dass die Gitarren wieder stärker im Vordergrund stehen. Im Vergleich zu den Auftritten der Band vor etwa zehn Jahren wirkt der Sound weniger elektronisch und klar konturiert. Stattdessen dominieren verwaschene Gitarren, die stärker an den Sound erinnern, mit dem die Sisters of Mercy in den achtziger Jahren den Gothic Rock entscheidend mitprägten.

Der Gesang von Andrew Eldritch ist dabei stellenweise etwas leise. Ob das Teil einer bewusst raueren, beinahe Lo-Fi-artigen Ästhetik ist oder an der Abmischung liegt, bleibt offen. Wirklich störend ist es allerdings nicht. Die Stimme fügt sich in einen Abend ein, bei dem ohnehin die Atmosphäre eine wichtige Rolle spielt.

Dazu trägt auch die Lichtregie bei. Eldritch und die beiden Gitarristen stehen fast durchgehend im Gegenlicht. Mal sind die Silhouetten von rotem, mal von blauem oder violettem Licht umgeben. Die Gesichter bleiben weitgehend im Dunkeln. Gerade weil dieses Konzept konsequent durchgehalten wird, wirkt es nicht wie ein bloßer Bühneneffekt, sondern als Teil der Inszenierung.

Die Klassiker

An den großen Songs des Repertoires mangelt es nicht. Alice und natürlich Temple of Love gehören ebenso zum Programm wie This Corrosion und Lucretia My Reflection von Floodland. Aus Vision Thing sind More und Doctor Jeep vertreten. Auch Marian vom Debütalbum First and Last and Always fehlt nicht.

Dazu kommen mit Giving Ground und Colours zwei Stücke von The Sisterhood, dem Projekt, das Andrew Eldritch Mitte der achtziger Jahre ins Leben rief. Beide Songs stammen ursprünglich von Gift, dem einzigen Album des Projekts. An der Entstehung des Albums war unter anderem Alan Vega von Suicide beteiligt.

Damit ist eigentlich alles vorhanden, was man von einem Sisters-Konzert erwarten darf: die frühen Songs, die großen Stücke der klassischen Albumphase und das Material, das die Band über Jahrzehnte zu einer der prägenden Gruppen des Gothic Rock gemacht hat.

Doch an diesem Abend kommt noch etwas hinzu.

Neue Musik ohne neues Album

Ein beträchtlicher Teil des Konzerts besteht aus neueren, bislang unveröffentlichten Stücken. Das ist für eine Band wie die Sisters of Mercy durchaus bemerkenswert. Denn ihr letztes Studioalbum Vision Thing erschien 1990. Seit 36 Jahren gibt es also kein neues Album.

Das allein wäre noch nicht ungewöhnlich für eine Band, die längst einen umfangreichen Katalog besitzt und mit diesem problemlos ganze Hallen füllen kann. Interessanter ist, dass die Sisters trotzdem nicht ausschließlich auf ihre Vergangenheit setzen. Sie spielen neue Musik, obwohl ihr Publikum diese Stücke vorher kaum kennen kann.

Das fällt umso mehr auf, weil sich das Verhältnis zwischen Album und Konzert im Musikgeschäft inzwischen verändert hat. Lange Zeit waren neue Platten der Anlass für eine Tournee. Heute sind bei vielen etablierten Künstlern die Konzerte selbst das zentrale Ereignis, während neue Musik vor allem dazu dient, eine weitere Tour zu begleiten. Das bekannte Repertoire bleibt dabei der sichere Teil des Abends.

Die Sisters gehen zumindest in dieser Hinsicht einen etwas anderen Weg. Sie konfrontieren ihr Publikum mit Musik, die noch keinen festen Platz in ihrer Geschichte hat.

Das Publikum geht mit

Und das Publikum geht mit. Die meisten Besucher sind, wie es bei den Sisters of Mercy kaum anders zu erwarten ist, in Schwarz gekleidet und feiern die Band von Beginn an. Bei den großen Klassikern wie More, This Corrosion oder Temple of Love steigt die Begeisterung noch einmal deutlich an.

Aber auch die neuen Stücke werden nicht einfach nur abgewartet. Das ist bemerkenswert, denn diese Songs können nur diejenigen wirklich kennen, die die Band in den vergangenen Jahren bereits live gesehen haben. Trotzdem werden sie aufmerksam aufgenommen und teilweise ebenso begeistert gefeiert wie das vertraute Material.

Das sagt einiges über das Verhältnis zwischen dieser Band und ihrem Publikum. Die alten Songs bilden den gemeinsamen Bezugspunkt, aber offenbar reicht die Loyalität der Fans aus, um sich auch auf unbekanntes Material einzulassen.

Im Nebel

Währenddessen bleibt das Bild auf der Bühne unverändert: Nebel und Gegenlicht. Die Silhouetten von Eldritch und seinen beiden Gitarristen tauchen auf und verschwinden wieder im wechselnden Licht. Viel mehr muss man von dieser Band an diesem Abend eigentlich nicht sehen.

Denn die Sisters of Mercy spielen nicht nur mit ihrer Vergangenheit, sondern auch mit ihrer Gegenwart. Die alten Songs erinnern daran, warum die Band einst zu den prägenden Gruppen des Gothic Rock gehörte. Die neuen Stücke zeigen dagegen, dass diese Geschichte zumindest musikalisch noch nicht abgeschlossen ist.

Ob daraus irgendwann wieder ein neues Album entsteht, bleibt offen. Für den Moment genügt es, dass diese Songs überhaupt existieren und ihren Platz neben den Klassikern gefunden haben.

Und so verlässt man die Batschkapp mit beidem im Kopf: den bekannten Melodien einer Band, deren Geschichte längst Musikgeschichte ist, und den neuen Stücken, die noch keine Geschichte haben.

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