Barclay James Harvest feat. Les Holroyd: Ein Abend zwischen Erinnerung und Gegenwart

Bad Nauheim ist eine Stadt, in der Geschichte allgegenwärtig ist. Zwischen Jugendstilarchitektur, Parkanlagen und dem Walk of Fame, der auf die historischen Persönlichkeiten hinweist, die die Stadt besuchten, begegnet man den Spuren vergangener Jahrzehnte. Die Trinkkuranlage gehört zu den eindrucksvollsten Bauwerken der Kurstadt. Ihre Konzertmuschel bildet seit einigen Jahren den Mittelpunkt der Bad Nauheimer Sommerreihe. Am 6. August 2026 endete dort die diesjährige Konzertreihe mit einem Auftritt von Barclay James Harvest feat. Les Holroyd.

Schon bevor der erste Ton erklingt, stellt sich eine Frage: Wie begegnet man heute einer Band, deren größte Erfolge Jahrzehnte zurückliegen?

Ist ein solches Konzert vor allem eine Reise in die Vergangenheit oder besitzen diese Songs auch heute noch die Kraft, ein Publikum zu begeistern?

Die Antwort gab der Abend selbst.

Zwischen Progressive Rock und symphonischem Pop

Barclay James Harvest gehörten nie zu den ganz großen Stadionbands ihrer Zeit. Dennoch entwickelte die britische Gruppe seit den siebziger Jahren einen unverwechselbaren Stil zwischen Progressive Rock und symphonischem Pop. Mit Songs wie Mocking Bird, Life Is for Living oder Hymn schuf sie Musik, die bis heute ihren festen Platz in der Geschichte der Rockmusik besitzt.

Nach der Trennung Ende der neunziger Jahre entstanden zwei Formationen. Während Gitarrist John Lees seinen eigenen Weg ging, führt Bassist Les Holroyd ebenfalls den Namen Barclay James Harvest bis heute weiter. Neue Studioalben spielen dabei längst keine entscheidende Rolle mehr. Im Mittelpunkt stehen die Klassiker einer Band, deren Musik mehrere Generationen begleitet hat.

Ein Auftakt ohne Umwege

Schon mit Mocking Bird, dem zweiten Titel des Abends, machte die Band deutlich, worum es in diesem Konzert gehen würde. Das Publikum musste nicht lange auf bekannte Stücke warten. Die vertrauten Melodien fanden sofort ihren Weg über die Ränge der Konzertmuschel und sorgten schon früh für eine spürbare Verbindung zwischen Bühne und Publikum.

Natürlich war das Publikum überwiegend mit der Musik der Band aufgewachsen. Dennoch wirkte der Abend nie wie eine reine Zeitreise. Die Songs besitzen noch immer jene Mischung aus melodischer Eingängigkeit und symphonischer Weite, die Barclay James Harvest über Jahrzehnte auszeichnete.

Die Kulisse wird Teil des Konzerts

Wie bei vielen Open-Air-Konzerten war die Akustik nicht durchgehend perfekt. Die Stimme verlor sich stellenweise etwas im Gesamtklang, während das Schlagzeug gelegentlich sehr präsent wirkte. Insgesamt blieb der Sound jedoch ausgewogen genug, damit die sorgfältigen Arrangements ihre Wirkung entfalten konnten.

Seine eigentliche Stärke entwickelte der Abend allerdings erst mit der einsetzenden Dunkelheit.

Während der ersten Konzerthälfte lag die Bühne noch im Tageslicht. Erst nach der Pause konnte die Lichtregie ihre volle Wirkung entfalten. Die angestrahlte Jugendstilarchitektur der Trinkkuranlage wurde Teil der Inszenierung und verlieh dem Konzert eine besondere Atmosphäre. Gerade Yesterday’s Heroes gewann dadurch sichtbar an Intensität. Fast schien auch die Natur ihren Beitrag leisten zu wollen, als während des Stücks ein Schwarm Gänse über die Bühne hinwegzog und den Moment auf überraschende Weise vervollständigte. Die Lichtgestaltung und die dezenten Projektionen ergänzten die Musik, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen.

Die großen Momente

Der emotionale Höhepunkt kam zum Ende des Konzertes. Als die ersten Takte von Hymn erklangen, erhob sich nahezu das gesamte Publikum. Überall wurden Handys gezückt, viele sangen jede Zeile mit. Es war jener Moment, auf den der Abend hingearbeitet hatte, ohne dabei berechenbar zu wirken. Die Kraft dieses Songs ist auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung ungebrochen.

Mit Life Is for Living folgte schließlich eine Zugabe, die den Abend passend abrundete. Les Holroyd merkte man an, dass fast acht Jahrzehnte Leben nicht spurlos vorübergehen. Kurzzeitig ließ ihn die Stimme im Stich. Gleichzeitig beeindruckte sein präzises und erstaunlich agiles Bassspiel, das nichts von seiner Musikalität verloren hat. Auch die Band präsentierte sich eingespielt und ließ keinen Zweifel daran, dass diese Musik mit großer Sorgfalt und Leidenschaft auf die Bühne gebracht wird.

Mehr als Nostalgie

Bleibt die Frage, mit der der Abend begann. Natürlich spielte Nostalgie eine Rolle. Viele Besucher verbanden mit diesen Liedern Erinnerungen an ihre eigene Jugend. Doch das allein erklärt die Begeisterung nicht.

Entscheidend ist, dass diese Musik auch heute noch funktioniert. Die Kompositionen besitzen starke Melodien, sorgfältige Arrangements und eine zeitlose Eleganz, die weit über ihren Erinnerungswert hinausgehen. Barclay James Harvest mögen heute nicht mehr dieselbe Band sein wie in den siebziger Jahren. Doch Les Holroyd gelingt es noch immer, den Geist dieser Musik lebendig zu halten.

Als die Besucher schließlich die Trinkkuranlage verließen, blieb nicht nur das Gefühl eines nostalgischen Wiedersehens zurück. Es war vor allem die Erinnerung an einen stimmungsvollen Sommerabend an einem außergewöhnlichen Ort, an dem Musik und Architektur eine seltene Verbindung eingingen. Manche Konzerte leben von neuen Songs. Andere erinnern daran, warum manche Lieder Jahrzehnte überdauern. Dieses gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.