William S. Burroughs: Die Wilden Boys

William S. Burroughs: Die Wilden Boys (Cover)

William S. Burroughs‘ Die Wilden Boys (The Wild Boys: A Book of the Dead, 1971) entzieht sich konsequent der Erwartung an einen klassischen Roman. Statt einer linearen Handlung entfaltet sich eine Abfolge von Szenen, Visionen und Fragmenten, die sich überlagern, wiederholen und gegenseitig kommentieren. Burroughs schreibt mit einer Sprache, die zugleich schneidend präzise und traumwandlerisch wirkt. Bilder von urbanen Randzonen, Wüsten, Ruinen und medialen Kontrollräumen verschränken sich zu einer Prosa, die weniger erzählt als evoziert. Identitäten bleiben flüchtig, Figuren erscheinen oft als Träger von Energien und Zuständen, nicht als psychologisch ausgearbeitete Charaktere.

Rebellion als kollektive Entgrenzung

Im Zentrum steht eine Bewegung junger Männer, die jede Form etablierter Ordnung verweigert. Die Wilden Boys bilden keine Organisation mit Anführern oder Statuten, sondern funktionieren als geteiltes Bewusstsein. Sie existieren jenseits von Staat, Kirche und Familie, jenseits normativer Sexualität und bürgerlicher Moral. Burroughs inszeniert sie als anarchistische Gegenkultur, die nicht reformieren, sondern zerstören will.

Homosexualität durchzieht den Roman nicht als Nebenmotiv, sondern als radikales Organisationsprinzip. Burroughs entwirft eine Welt, in der heteronormative Strukturen zusammenbrechen und männliches Begehren zur Basis einer alternativen Ordnung wird. Die sexuellen Szenen sind explizit, oft brutal, manchmal grenzüberschreitend. Sie dienen weder dem Realismus noch der Unterhaltung, sondern agieren als ästhetische Provokation. Burroughs nutzt Sexualität als Waffe gegen Konvention, als Mittel zur Sprengung moralischer Grenzen. Zugleich verschränken sich Lust, Gewalt und Rausch zu einer Intensität, die verstört und fasziniert.

Der Roman bleibt dabei in seiner Geschlechterpolitik problematisch. Frauen kommen kaum vor, und wenn, dann als überflüssig gewordene Figuren in einer männlich dominierten Fantasie. Burroughs‘ persönliche Geschichte wirft dunkle Schatten, seine literarische Vision reproduziert Ausschlüsse. Dennoch besitzt der Text eine eigentümliche Kraft: Er zeigt, wie radikal Fantasie sein kann, wenn sie sich jeder Konvention verweigert. Die Wilden Boys entwickeln Rituale, durch die sie Tote wiederbeleben, durch die sie unsterblich werden, durch die sie sich biologischer Abhängigkeit entziehen. Eine magische Technologie der Befreiung, die ebenso absurd wie poetisch wirkt.

Körper werden zu Projektionsflächen für Macht und Widerstand. Burroughs zwingt seine Leserinnen und Leser, gewohnte Kategorien von Identität und Begehren zu hinterfragen. Der Roman ist kompromisslos, oft unangenehm, aber gerade darin liegt seine literarische Energie.

Zerfall und Widerstand

Burroughs siedelt seinen Roman in einer nahen Zukunft an, in der die Zivilisation nur noch in abgeriegelten Zonen existiert. Totalitäre Enklaven verteidigen die Reste einer zusammenbrechenden Ordnung gegen eine Kraft, die sie nicht mehr kontrollieren können. Die Wilden Boys kämpfen nicht mit konventionellen Mitteln. Sie nutzen Guerillataktik, setzen auf Überraschung und Unberechenbarkeit. Hochgerüstete Armeen scheitern an einem Gegner, der die Regeln nicht anerkennt.

Diese Konstellation lässt sich als Kommentar zum Vietnamkrieg lesen. Technologische Überlegenheit garantiert keinen Sieg, wenn der Gegner anders denkt und anders agiert. Moralische Selbstgewissheit zerbricht an der Realität. Burroughs zeigt, wie Macht ins Leere läuft, wenn sie auf Widerstand trifft, der sich ihren Kategorien entzieht.

Zugleich entwirft der Roman Mechanismen, die heute vertraut wirken. Das Bild des lächelnden Wilden Boys verbreitet sich viral, wird zum Medienphänomen, zieht immer mehr Jugendliche an. Hier antizipiert Burroughs die Macht von Bildern, die Ansteckungskraft von Ideen, die unkontrollierbare Dynamik von Gegenkultur. Überwachung, mediale Reizüberflutung, fluide Identitäten: Vieles, was Burroughs beschreibt, lässt sich mühelos auf gegenwärtige Verhältnisse übertragen.

Fragmentierung als Prinzip

Der Roman verweigert sich linearer Erzählung. Szenen wiederholen sich mit Variationen, Motive tauchen in neuen Kontexten wieder auf, Figuren verschwinden und kehren verändert zurück. Burroughs arbeitet mit der Cut-up-Technik, bei der Texte zerschnitten und neu montiert werden. Das Ergebnis wirkt chaotisch, besitzt jedoch eine eigene Logik. Selbst wenn die Struktur bricht, bleibt ein erkennbares Muster bestehen.

Diese Schreibweise fordert heraus. Wer einen Plot mit Anfang, Mitte und Ende erwartet, wird enttäuscht. Doch wer sich auf Burroughs‘ Verfahren einlässt, entdeckt eine Sprache von bemerkenswerter Präzision. Seine Bilder sind scharf, seine Sätze klar, seine Sinneseindrücke unmittelbar. Frisch geschnittenes Gras, brennende Holzkohle, Weihrauch auf einem Basar. Burroughs zeigt, dass Sprache mehr sein kann als Kommunikation. Sie wird zum Material, das sich öffnen, verschieben, neu kombinieren lässt.

Resonanzen in Kunst und Popkultur

Auch kulturell hinterließ das Buch deutliche Spuren. Burroughs entwickelte 1972 ein Drehbuch, das als Low-Budget-Hardcorefilm produziert werden sollte, verwarf das Projekt jedoch wieder. Regisseur Russell Mulcahy plante eine Verfilmung mit Duran Duran als Soundtrack-Komponisten, doch auch diese Idee kam nie zur Umsetzung. In der Popkultur wirkte der Roman dennoch nach. David Bowie griff Motive und Ästhetiken auf, die in die Figur des Ziggy Stardust einflossen. Duran Duran ließen sich direkt zu ihrem Song The Wild Boys inspirieren. Bezüge finden sich ebenso im Werk von Patti Smith, deren Protagonist Johnny in Horses auf die homoerotische Hauptfigur des Romans verweist. Ian Curtis von Joy Division zählte das Buch zu seinen Favoriten. So wanderte der Text aus der Literatur in Musik, Stil und Inszenierung und prägte das Bild des rebellischen, androgynen Außenseiters.

Relevanz der Provokation

Die Wilden Boys ist kein zugängliches Buch. Es verlangt Geduld und die Bereitschaft, sich auf Tabubrüche einzulassen. Doch für jene, die experimentelle Literatur schätzen, bietet der Roman einen Blick in eine der radikalsten literarischen Visionen des 20. Jahrhunderts. Burroughs schreibt sich in eine Tradition ein, die von Joyce über Miller bis Dostojewski reicht. Sein Werk polarisiert, irritiert, fasziniert. Literarische Schönheit entsteht hier nicht im Gefälligen, sondern im Bruch, in der Reibung, im kontrollierten Exzess. Und die Welt holt noch immer auf.

William S. Burroughs: Die wilden Boys. Übersetzt von Carl Weissner. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1980.

Original: The Wild Boys: A Book of the Dead. Grove Press, New York 1971.

Textgrundlage dieser Rezension: Penguin Modern Classics, London 2008.