Jessica Backhaus: Shadows Might Dance im Fotografie Forum Frankfurt

Jessica Backhaus: Blue Note, 2015 Aus der Serie » A Trilogy (Shifting Clouds)«
Blue Note, 2015 aus der Serie » A Trilogy (Shifting Clouds)« | © Jessica Backhaus, 2026, courtesy of Robert Morat Galerie

Fotos von beinahe perfekter Abstraktion eröffnen den Rundgang. Bilder, die im ersten Moment wie Collagen wirken, obwohl sie fotografische Beobachtungen bleiben. Flächen, Farben und Kanten strukturieren die Komposition, doch der eigentliche Zauber entsteht im Licht. Schatten modellieren Ebenen, erzeugen Tiefe und bewahren einen feinen Rest Realismus.

Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt mit Shadows Might Dance die erste große Überblicksausstellung von Jessica Backhaus. Die Schau versammelt Arbeiten aus rund 25 Jahren und verzichtet bewusst auf eine strenge Chronologie. Stattdessen entwickelt sich ein visueller Dialog zwischen frühen Serien und aktuellen Werkgruppen, der Kontinuitäten sichtbar macht, ohne Entwicklung zu vereinfachen.

Vom Dokument zur Abstraktion

Die ältesten gezeigten Fotografien stammen aus Jesus and the Cherries (2001 bis 2005), entstanden im polnischen Dorf Nętno. Backhaus richtet den Blick auf scheinbar beiläufige Details: Möbel, Textilien, religiöse Motive, Alltagsgegenstände. Schon hier zeigt sich eine klare künstlerische Haltung. Nähe ersetzt Distanz, der präzise Ausschnitt verdrängt das Panorama. Das Dokumentarische bleibt präsent, wirkt jedoch leise, konzentriert und fast intim. Zugleich entsteht ein sensibles Porträt ländlicher Lebenswelten, das weder folkloristisch noch nostalgisch wirkt. Farben, Oberflächen und Licht verweisen bereits auf spätere formale Interessen.

Die Motive erzählen vom Alltag, doch entscheidend ist die Art der Verdichtung, mit der Backhaus Atmosphäre und Struktur sichtbar macht.

Mit Once, Still and Forever (2009 bis 2012) verschiebt sich der Fokus spürbar. Gegenstände lösen sich zunehmend aus ihrem Kontext, Räume verlieren ihre erzählerische Eindeutigkeit. Form, Farbe und Licht treten in den Vordergrund. Die Bilder wirken ruhiger und zugleich entschiedener. Wahrnehmung selbst wird zum Thema.

A Trilogy (2015 bis 2017) markiert eine Phase des Übergangs. Unterserien wie Shifting Clouds und Beyond Blue experimentieren mit Fragmenten, Überlagerungen und formalen Verdichtungen. Fotografie nähert sich der Collage und nimmt malerische Qualitäten an. Ein einfacher Faden, der einen Schatten wirft, genügt, um Bildraum und Illusion neu auszutarieren. Reduktion und Irritation greifen ineinander.

Material, Licht und Illusion

In Cut Outs (2018 bis 2021) erreicht Backhaus eine neue Klarheit. Geschnittenes, farbiges Papier wird arrangiert, verformt und fotografisch fixiert. Hitze und Sonnenlicht greifen ins Material ein, Kanten verschieben sich, Flächen wölben sich. Die entstandenen Arbeiten besitzen eine bemerkenswerte Präsenz. Erst bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass es sich nicht um Collagen handelt, sondern um fotografierte Konstruktionen. Schatten erzeugen räumliche Spannung und lassen fragile Objekte entstehen, die zwischen Bild und Skulptur oszillieren. Diese Serie markiert einen entscheidenden Schritt hin zu einer Bildsprache, die Illusion und Materialität bewusst verschränkt. Farbe wird nicht nur Komposition, sondern physische Erfahrung. Licht fungiert als formgebendes Element. Die Arbeiten wirken reduziert und zugleich komplex.

Die aktuelle Serie Papyrus (2024 bis 2026) führt diesen Ansatz konsequent weiter. Papier ist nun nicht mehr nur Träger oder Motiv, sondern zentrales Thema. Strukturen, Texturen und Farbübergänge bestimmen die Bildwirkung. Die Fotografien erscheinen reduziert, zugleich jedoch komplex und vielschichtig. Abstraktion wird hier zur stillen, beinahe meditativen Erfahrung.

Jessica Backhaus
Jessica Backhaus | © Ilaria Turba, 2026

Inszenierung und Wirkung

Die kuratorische Inszenierung von Celina Lunsford und Andrea Horvay überzeugt durch Präzision und Zurückhaltung. Werkgruppen greifen ineinander, Motive und formale Ideen spiegeln sich über Jahre hinweg. Entwicklung wird erfahrbar, ohne didaktisch erklärt zu werden. Farbe und Licht entfalten in den Ausstellungsräumen eine ruhige Intensität.

Als künstlerisches Statement bleiben manche Arbeiten bewusst offen. Gelegentlich bewegen sich einzelne Bilder nahe an einer dekorativen Ästhetik. Gerade diese Grenzbereiche machen jedoch den Reiz der Ausstellung aus, weil sie die Spannung zwischen formaler Schönheit und konzeptueller Strenge sichtbar werden lassen.

Auch wenn die Schatten hier nicht tanzen, sondern fixiert sind, bleibt der Eindruck nachhaltig. Shadows Might Dance ist eine sehenswerte, dichte Begegnung mit einem Werk, das sich konsequent von der Beobachtung zur Abstraktion entwickelt.

Jessica Backhaus: Shadows Might Dance

  • Datum: 31. Januar – 26. April 2026
  • Ort: Fotografie Forum Frankfurt