
Das erste Gefühl ist Beklemmung. Kein konkreter Schrecken, sondern eine diffuse, schwer greifbare Bedrohung. Etwas stimmt nicht, noch bevor klar wird, was eigentlich nicht stimmt. Im Vorspann von Der Mann, der zweimal lebte (Seconds) verzerren sich Gesichter, lösen sich auf und gehen ineinander über. Dazu erklingt Jerry Goldsmiths Musik, die Motive aus Bachs Toccata und Fuge d-Moll aufgreift und ins Unheimliche verkehrt. Dann wechselt das Bild zur Grand Central Station in New York. Arthur Hamilton (John Randolph) bewegt sich durch die Menschenmenge, als wäre er auf der Flucht. Die Kamera folgt ihm aus ungewöhnlichen Perspektiven, kommt ihm unangenehm nahe und lässt die Umgebung fremd erscheinen. Die Bedrohung hat noch keinen Namen, ist aber bereits überall.
Schon in diesen ersten Minuten zeigt sich, dass John Frankenheimer die Geschichte nicht einfach erzählen, sondern den Zuschauer in einen Zustand anhaltender Verunsicherung versetzen will. Der Mann, der zweimal lebte ist Science-Fiction, psychologischer Thriller und Albtraum zugleich. Seine Wirkung entsteht weniger aus der Frage, was als Nächstes geschieht, als aus dem Gefühl, dass die Wirklichkeit selbst aus den Fugen geraten ist.
Die Ästhetik der Beklemmung
Die Schwarz-Weiß-Fotografie von James Wong Howe ist dafür entscheidend. Sie erzeugt keine nostalgische Distanz, sondern eine Welt ohne visuelle Geborgenheit. Harte Kontraste, ungewöhnliche Perspektiven und Fisheye-Objektive verzerren Räume und Gesichter. Die Kamera rückt den Figuren so nahe, dass Intimität in Bedrohung umschlägt. Andere Einstellungen lassen Menschen in labyrinthischen Büros verloren erscheinen, deren Zweck und Struktur sich kaum erschließen.
Gemeinsam mit Frankenheimer entwickelt Howe eine Bildsprache, die Arthurs innere Verunsicherung in die äußere Welt überträgt. Nichts wirkt selbstverständlich, kein Raum bietet Orientierung. Die Bilder scheinen einer Wirklichkeit zu entstammen, die sich nicht mehr zuverlässig lesen lässt. Besonders in den Szenen, in denen die Schnitte schneller werden und die Kamera immer näher an die Figuren heranrückt, entsteht eine fast körperliche Beklemmung. Die Bilder vermitteln nicht nur Angst, sie lassen den Zuschauer ihre Desorientierung selbst erfahren.
Auch der Vorspann von Saul Bass ist mehr als eine kunstvolle Ouvertüre. Die ineinanderfließenden Gesichter führen das zentrale Motiv des Films bereits vor: Was macht einen Menschen zu dem, der er ist, und was bleibt von ihm, wenn sich sein Äußeres verändert?

Ein neues Leben nach Maß
Arthur Hamilton hat auf den ersten Blick alles erreicht, was die amerikanische Nachkriegsgesellschaft als erstrebenswert vermittelt: einen angesehenen Beruf, ein Haus, eine Familie und wirtschaftliche Sicherheit. Dennoch empfindet er sein Leben als leer. Als ihm eine geheimnisvolle Organisation, die sich schlicht „The Company“ nennt, einen radikalen Neuanfang anbietet, scheint sich ein Ausweg zu eröffnen. Für viel Geld verspricht sie eine neue Identität, ein verändertes Äußeres und ein Leben, das den bislang unerfüllten Wünschen entsprechen soll.
Aus Arthur Hamilton wird Antiochus „Tony“ Wilson, ein jüngerer Mann, verkörpert von Rock Hudson. Mit dem neuen Gesicht kommen neue Möglichkeiten, eine andere Umgebung und eine Existenz, die zuvor unerreichbar schien. Doch Frankenheimer interessiert sich weniger für die technischen Möglichkeiten dieser Verwandlung als für ihre psychologischen Folgen. Was geschieht, wenn sich die äußeren Umstände ändern, die innere Unzufriedenheit aber bestehen bleibt? Und wie frei sind unsere Wünsche überhaupt, wenn wir gelernt haben, das zu begehren, was die Gesellschaft uns als Erfolg verkauft?
Gerade hier entwickelt Der Mann, der zweimal lebte seine größte Schärfe. Der Film stellt nicht nur den amerikanischen Traum infrage, sondern auch dessen vermeintliche Gegenwelt. Das bürgerliche Leben mit Karriere, Familie und Wohlstand erscheint ebenso vorgeprägt wie die alternative Existenz in künstlerischer Freiheit, sexueller Ungebundenheit und hedonistischem Überschwang. Selbst die Rebellion droht zu einem Rollenbild zu werden, das man lediglich gegen ein anderes eintauscht.
Rock Hudson ist in diesem Zusammenhang eine besonders interessante Besetzung. Als einer der großen Hollywoodstars seiner Zeit stand er für ein sorgfältig konstruiertes Bild von Männlichkeit und Attraktivität. In Der Mann, der zweimal lebte wird dieses vertraute Image zum Ausgangspunkt einer Geschichte über die Manipulierbarkeit von Identität. Hudson spielt Tony Wilson nicht einfach als idealisierte jüngere Version eines anderen Mannes. Unter der neuen Oberfläche bleibt eine Unsicherheit spürbar, die sich nicht durch Schönheit oder gesellschaftliche Anerkennung auflösen lässt.
Wenn die Bilder zum Albtraum werden
Besonders eindringlich zeigt sich Frankenheimers Regie in zwei Partyszenen. Bei einem ausschweifenden Fest in Santa Barbara treffen Wein, Nacktheit und körperliche Enthemmung auf eine Bildgestaltung, die jede unbeschwerte Ausgelassenheit untergräbt. Die Schnitte beschleunigen sich, die Kamera dringt immer näher an die Menschen heran, Bewegungen und Gesichter verlieren ihre Vertrautheit. Was als Befreiung erscheinen könnte, wird zu einer überwältigenden Erfahrung, in der die Grenzen zwischen Lust, Überforderung und Angst verschwimmen.
Ein ähnlicher Effekt entsteht bei einer Cocktailparty in Tonys Haus. Während die Atmosphäre zunehmend entgleist, wirken die Gäste seltsam entrückt. Ihre Gesichter und Reaktionen sind kaum zu deuten. Die Kamera macht aus einer gesellschaftlichen Zusammenkunft eine Begegnung mit dem Unheimlichen. Man denkt unwillkürlich an David Lynch, an dessen Filme die beunruhigende Selbstverständlichkeit erinnert, mit der sich das Alltägliche in etwas Bedrohliches verwandeln kann. Frankenheimer erreicht diesen Effekt allerdings schon Jahrzehnte zuvor, mit einer bemerkenswerten Konsequenz in der Bildgestaltung.
Die Szenen zeigen, wie eng Form und Inhalt in Der Mann, der zweimal lebte miteinander verbunden sind. Die Kamera illustriert nicht bloß die Verunsicherung der Hauptfigur. Sie macht sie zum Prinzip der gesamten filmischen Erfahrung.

Die Company und der Preis der Freiheit
Die Organisation, die den Neuanfang ermöglicht, ist dabei weit mehr als ein Science-Fiction-Einfall. Ihre nüchterne Geschäftsmäßigkeit steht in einem verstörenden Gegensatz zu dem existenziellen Versprechen, das sie verkauft. Aus einem tief menschlichen Wunsch, dem eigenen Leben eine andere Richtung zu geben, wird ein kalkulierbares Geschäftsmodell. Die Sprache der Organisation ist sachlich, ihre Abläufe sind effizient, ihre Räume anonym. Gerade diese Normalität macht sie so unheimlich.
Frankenheimer entwirft damit das Bild eines Systems, das vorgibt, menschliches Leid lindern zu wollen, seine eigenen Interessen aber über die Menschen stellt, denen es helfen soll. Die neue Identität wird zur Ware, der Neuanfang zu einer Dienstleistung mit Bedingungen. Freiheit gibt es nur innerhalb der Regeln des Unternehmens. Wer sich ihnen entziehen möchte, stößt auf die Grenzen eines Systems, das seine Kunden nicht als selbstbestimmte Menschen, sondern als Teil eines funktionierenden Ablaufs betrachtet.
Der Film verhandelt damit auch eine Frage, die weit über seine Science-Fiction-Prämisse hinausgeht: Wie viel Selbstbestimmung bleibt dem Einzelnen in einer Gesellschaft, die selbst die Vorstellung vom gelungenen Leben prägt? Der Mann, der zweimal lebte gibt darauf keine beruhigende Antwort. Sein Albtraum entsteht gerade daraus, dass die Verheißung eines besseren Lebens nicht von außen zerstört wird, sondern bereits in ihrer Konstruktion einen Widerspruch trägt.
Ein Film gegen seine Zeit
Als Der Mann, der zweimal lebte 1966 erschien, befand sich die amerikanische Gesellschaft in einem tiefgreifenden kulturellen Wandel. Die Ideale der Nachkriegsjahre, geprägt von Wohlstand, familiärer Ordnung und gesellschaftlicher Anpassung, gerieten zunehmend unter Druck. Die Gegenkultur stellte traditionelle Moralvorstellungen infrage und suchte nach neuen Formen von Freiheit. Frankenheimers Film betrachtet beide Seiten mit Skepsis: Er misstraut dem standardisierten Glück der Vorstädte ebenso wie der Vorstellung, man könne sich durch einen radikalen Lebensstilwechsel vollständig neu erfinden.
Zugleich fügt sich Der Mann, der zweimal lebte in Frankenheimers sogenannte Paranoia-Trilogie ein, zu der auch Botschafter der Angst (The Manchurian Candidate, 1962) und Sieben Tage im Mai (Seven Days in May, 1964) zählen. Während diese Filme politische Macht und institutionelle Manipulation ins Zentrum stellen, richtet sich der Blick hier stärker auf das Individuum. Die Bedrohung geht nicht allein von politischen Akteuren aus, sondern von einem System, das die Sehnsucht nach einem anderen Leben für seine Zwecke nutzt. Die Paranoia ist nicht bloß eine persönliche Empfindung. Sie wird zur angemessenen Reaktion auf eine Welt, deren Regeln undurchschaubar bleiben.
Wie sehr der Film mit den Moralvorstellungen seiner Zeit kollidierte, zeigt auch seine Zensurgeschichte. Für die amerikanische Kinoauswertung ließ Paramount rund sieben Minuten entfernen, darunter Teile der ausgelassenen Festsequenz mit ihrer expliziten Nacktheit. Die katholische Kirche hatte dagegen protestiert. Frankenheimer sah darin eine Verfälschung der Szene, deren Sinn gerade in der vorübergehenden Befreiung der Hauptfigur liegen sollte. Die vollständige Fassung wurde in den USA erst 1997 wieder gezeigt. Auch die Reaktion bei der Premiere in Cannes 1966 war ausgesprochen ablehnend. Bei seiner Erstveröffentlichung blieb der Film kommerziell erfolglos und fand erst später ein Publikum, das seine Radikalität zu schätzen wusste.

Die Unmöglichkeit, sich selbst abzulegen
Was Der Mann, der zweimal lebte so nachhaltig verstörend macht, ist die Konsequenz, mit der er die Idee des Neuanfangs hinterfragt. Ein neues Gesicht, ein anderer Name und veränderte Lebensumstände können die Vergangenheit nicht einfach auslöschen. Erfahrungen, Erinnerungen und Widersprüche lassen sich nicht wie ein unpassendes Kleidungsstück ablegen. Zugleich ist auch das Selbst keine unveränderliche Größe, die unabhängig von den äußeren Bedingungen existiert. Der Film lässt die Spannung zwischen diesen beiden Vorstellungen bewusst ungelöst.
Dabei verweigert Frankenheimer sowohl eine einfache Moral als auch die beruhigende Vorstellung, man müsse nur die richtigen Wünsche erkennen, um glücklich zu werden. Seine Hauptfigur ist in einem Geflecht aus gesellschaftlichen Erwartungen, persönlichen Sehnsüchten und den Versprechen eines kommerziellen Systems gefangen. Die Frage, wer man sein möchte, wird untrennbar mit der Frage verbunden, wer einem erlaubt, es zu sein.
Der Mann, der zweimal lebte ist deshalb weit mehr als eine düstere Geschichte über einen missglückten Neuanfang. Der Film zeigt, wie leicht die Suche nach Freiheit selbst zu einer Form der Abhängigkeit werden kann, wenn sie sich an vorgefertigten Vorstellungen vom Glück orientiert. Seine Schwarz-Weiß-Bilder, die verzerrten Perspektiven und die rastlose Kamera machen diesen Gedanken sinnlich erfahrbar. Sie lassen eine Welt entstehen, in der nichts ganz vertraut und keine Identität vollkommen sicher ist.
Bei seiner Veröffentlichung war Der Mann, der zweimal lebte seiner Zeit offenbar zu weit voraus, um sein Publikum zu erreichen. Heute wirkt Frankenheimers Film nicht weniger verstörend, sondern in vielem erstaunlich gegenwärtig. Sein eigentliches Grauen liegt nicht in der fantastischen Vorstellung, ein anderer Mensch werden zu können. Es liegt in der Möglichkeit, dass selbst die radikalste Veränderung nichts daran ändert, dass wir uns und unsere Wünsche zunächst verstehen müssen, bevor wir ihnen folgen können.
Der Mann, der zweimal lebte (Seconds, 1966)
- Regie: John Frankenheimer
- Drehbuch: Lewis John Carlino
- Produktion: Edward Lewis, John Frankenheimer
- Kamera: James Wong Howe
- Schnitt: Ferris Webster
- Musik: Jerry Goldsmith
- Cast: Rock Hudson (Antiochus „Tony“ Wilson), John Randolph (Arthur Hamilton), Salome Jens (Nora Marcus), Will Geer (Chef der Firma), Jeff Corey (Mr. Ruby), Richard Anderson (Dr. Innes), Murray Hamilton (Charlie Evans), Karl Swenson (Dr. Morris), Khigh Dhiegh (Davalo), Frances Reid (Emily Hamilton), Wesley Addy (John), John Lawrence (Texaner), Elisabeth Fraser (Blondine, Partygast), Dodie Heath (Sue Bushman), Dorothy Morris (Mrs. Filter)
- Produktionsland: USA
- Originalsprache: Englisch
- Erscheinungsjahr: 1966
- Länge: 106 Minuten




