F.I.M. Festival ’26 – Improvisierte Musik im Dialog

Der Frankfurter Trompeter Dennis Sekretarev  | © F.I.M.
Der Frankfurter Trompeter Dennis Sekretarev | © F.I.M.

Improvisierte Musik ist kein Zufall. Das ist ein häufiges Missverständnis. Sie ist Handwerk, Philosophie, Dialog. Das Forum Improvisierter Musik präsentiert vom 1. bis 4. Oktober 2026 ein viertägiges internationales Festival, das diese Missverständnisse aufzulösen verspricht. Unter dem Fokus „Trompete“ bringt das F.I.M. Festival eine der dynamischsten Szenen europäischer und internationaler Experimentalmusik nach Frankfurt und ins Rhein-Main-Gebiet.

Das Instrument als Mittel

Die Trompete ist dieses Jahr das Fokussinstrument. Das ist keine zufällige Wahl. Die Trompete ist präsent im Jazz, im Klassischen, im Experimentellen. Sie ist eine der ältesten Stimmen der westlichen Musik, doch in den Händen der richtigen Musikerinnen und Musiker wird sie zur Waffe, zum Weinen, zur Ekstase. Das Festival zeigt drei Solo-Improvisationen an aufeinanderfolgenden Tagen: Dennis Sekretarev eröffnet am Freitag, die deutsche Jazzpreis-Trägerin 2026 Lina Allemano folgt am Samstag, der portugiesische Trompeter Luís Vicente beschließt am Sonntag die Reihe.

Doch die Trompete ist nicht allein. Sie tritt in Beziehung: mit Gitarre, mit Schlagzeug, mit Elektronik, mit Tanz. Dies ist das Kernprinzip des Festivals. Improvisation ist immer relational. Sie entstehen im Moment zwischen den Musikerinnen und Musikern, zwischen dem Instrument und dem Raum, zwischen Laut und Stille.

Meister und Anfänger im Dialog

Das Festival bringt international etablierte Namen zusammen mit aufstrebenden Talenten. Elliott Sharp (USA), einer der großen Experimentalisten der Gegenwart, leitet einen Workshop zusammen mit Hamid Drake (USA), dem brillanten Schlagzeuger aus Chicago, der mit Don Cherry und Fred Anderson arbeitete. Dieser Workshop ist zentral für das Festival-Verständnis: Es geht nicht nur um Performances, sondern um Vermittlung, um das Weitergeben von künstlerischen Konzepten.

Caspar Brötzmann, der deutsche Gitarren-Extremist, trifft Hamid Drake in einem ungewöhnlichen Duo. Brötzmann, seit Jahrzehnten im alternativen Rock und der Avantgarde Zuhause, hat sich immer geweigert, sich festzulegen. Sein Konzert wird eine andere Qualität haben: rau, radikal, unvorbereitet im besten Sinne.

Jan Bang und Eivind Aarset, das nordische Elektronik-Tüftler-Duo, bringen die experimentelle elektronische Musik nach Frankfurt. Sie sind nicht bloß Musiker, sondern Produzenten, Denker, Erfinder neuer musikalischer Landschaften. Ihre Zusammenarbeit mit Cello, Gitarre und Live-Sampling zeigt: Elektronik ist nicht Kälte, sondern eine neue Sprache der Intimität.

Carme López und die Tradition

Eine besondere Darbietung verdient Hervorhebung: Carme López präsentiert die Gaita Gallega, den galizischen Dudelsack. Sie kommt aus einer traditionellen Musik, doch sie spielt sie auf zeitgenössische Weise. Das ist nicht Folklore-Rekonstruktion, sondern künstlerische Neuinterpretation. Die galizische Dudelsack-Musik wird zu Experimental Music, zu Sound Art. Das ist, was zeitgenössische Künstler tun: Sie nehmen das Alte und machen es neu, ohne es dabei zu zerstören.

Gegen die Tradition: Carmen López mit Gaita Gallega | © F.I.M.
Gegen die Tradition: Carmen López mit Gaita Gallega | © F.I.M.

Räume und Kontexte

Das Festival nutzt verschiedene Spielstätten: das Gallus Theater, Kirchen wie die Alte Nikolaikirche, alternative Räume wie die Brotfabrik, das Nebbiensche Gartenhaus. Jeder Raum prägt die Musik anders. In einer Kirche klingt Improvisation anders als in einer Halle. Der Raum ist nicht neutral, er ist Instrument. Das Festival versteht das und nutzt es.

Ein Film über Alexander von Schlippenbach, einen der Pioniere des europäischen Free Jazz, wird gezeigt. Die anschließende Diskussion mit Schlippenbach selbst und dem Regisseur Tilman Urbach ist kein bloßes Zusatzprogramm, sondern Teil der Reflexion: Wo kommt diese Musik her? Wer hat sie geprägt?

Elektronik und Akustik

Das Festival arbeitet konsequent mit dem Widerspruch zwischen elektronischer und akustischer Musik. Sie sind nicht Gegensätze, sondern Dialog-Partner. Die junge georgische Elektronik-Künstlerin Anushka Chkheidze tritt auf, zusammen mit der britischen Cellistin Lucy Railton und dem englischen Organisten Kit Downes. Elektronik trifft Kirchenorgel – ein Moment, der zeigt, dass Avantgarde nicht außerhalb der Tradition steht, sondern sie transformiert.

Zum Abschluss: Das große Ensemble

Am letzten Abend spielt ein großes Ensemble: Marta Warelis (Klavier/Polen), Camila Nebbia (Saxophon/Argentinien), Philipp Gropper (Saxophon/Deutschland), Jan Bang (Elektronik/Norwegen), Eivind Aarset (Gitarre/Norwegen), Shahzad Ismaily (Bass/USA), Hamid Drake (Schlagzeug/USA). Dies ist keine geplante Komposition, sondern ein Zusammentreffen von Meistern. Eine musikalische Konstellation, die so noch nie gespielt hat.

Tastenarbeiter Alexander von Schlippenbach | © F.I.M.
Tastenarbeiter Alexander von Schlippenbach | © F.I.M.

Was ist Improvisierte Musik?

Das F.I.M. Festival ’26 antwortet auf diese Frage nicht mit einer Definition, sondern mit einer Erfahrung. Es zeigt: Improvisierte Musik ist Ernst, ist Handwerk, ist Risiko. Sie ist nicht beliebig, sondern präzise. Sie ist nicht egoistisch, sondern dialogisch. Sie ist nicht Zufall, sondern Form. Eine Form, die im Moment entsteht, die sich nie wiederholt, die das Publikum zum Zeugen macht, nicht zum Konsumenten.

Das Programm ist eine Einladung, diesen Dialog mit einigen der wichtigsten Stimmen zeitgenössischer improvisierter Musik zu erleben.

Mehr Informationen über F.I.M. und das Festival.

F.I.M. Festival '26

📅 Datum: 1. Oktober 2026 · 00:00 Uhr
📍 Ort: Gallus Theater, Brotfabrik, Nebbiensches Gartenhaus, u.a., Frankfurt am Main