
30 Jahre nach ihrem Debütalbum widmen sich Placebo auf ihrer Jubiläumstour den ersten beiden Platten. In der Frankfurter Festhalle treffen die frühen Songs auf eine Inszenierung, die den Wandel der Band sichtbar macht.
Als Placebo Mitte der 1990er-Jahre ihr Debütalbum veröffentlichten, war die Band noch Teil einer britischen Alternative-Szene, deren Musik sich bewusst gegen allzu glatte Rockkonventionen stellte. Drei Jahrzehnte später stehen Brian Molko und Stefan Olsdal in der Frankfurter Festhalle vor einem Publikum, für das die frühen Songs längst zum festen Bestandteil der Bandgeschichte gehören. Die Jubiläumstour führt zurück zu den ersten beiden Alben, Placebo und Without You I’m Nothing. Zugleich knüpft sie an eine Neuauflage des Debüts an, die das ursprüngliche Material für die Gegenwart überarbeitet.
Das ist mehr als eine gewöhnliche Jubiläumsveröffentlichung. Die neue Fassung versteht sich als eine Art Director’s Cut, der die ursprünglichen Aufnahmen nicht einfach konserviert, sondern neu bearbeitet. Ein ähnlicher Gedanke stand hinter Kate Bushs Album Director’s Cut von 2011, auf dem sie frühere Songs neu interpretierte. Dass Placebo bei den Zugaben mit einer Coverversion von Bushs Running Up That Hill an die britische Musikerin erinnern, fügt sich in diesen Zusammenhang. Der Blick zurück ist an diesem Abend von Anfang an auch ein Blick darauf, wie sich Musik und ihre Wahrnehmung im Laufe der Zeit verändern.
Vom Indie-Trio zur Arena-Band
Der Wandel zeigt sich schon in der Besetzung. Wo Placebo in den Anfangsjahren als Trio auftraten, stehen heute Molko und Olsdal im Zentrum. Die Bühne der Festhalle ist entsprechend großzügig gestaltet. Eine hoch aufragende Videowand, aufgeteilt in fünf vertikale Streifen, nimmt einen großen Teil des Bühnenraums ein. Mal verteilen sich einzelne Motive über mehrere Streifen, mal wird ein Bild über die gesamte Fläche gezogen. Live-Aufnahmen der Musiker wechseln sich mit Archivmaterial aus den 1990er-Jahren ab.
Die Bilder machen den zeitlichen Abstand zwischen den frühen Jahren und der Gegenwart sichtbar. Zugleich fällt auf, welche Teile der Bandgeschichte dabei präsent sind und welche nicht. Im Archivmaterial erscheinen weder Robert Schultzberg, der das Schlagzeug auf dem Debütalbum spielte, noch Steve Hewitt, der zur Zeit von Without You I’m Nothing zur Band gehörte. Das muss nicht zwangsläufig eine bewusste Auslassung bedeuten, fällt angesichts des historischen Anspruchs der Tour aber auf. Die Rückschau konzentriert sich auf Molko und Olsdal, während die wechselnden Besetzungen, die ebenfalls zur Geschichte von Placebo gehören, im Hintergrund bleiben.
So entsteht ein Bild der Bandgeschichte, das zugleich umfassend und selektiv ist. Die frühen Songs werden wieder ins Zentrum gerückt, doch ihre heutige Präsentation unterscheidet sich deutlich von den Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Aus der Indie-Band, die in kleineren Clubs spielte, ist eine Arena-Band geworden. Die Musik bleibt dieselbe, ihre Umgebung nicht.
Wenn der Groove in der Festhalle verloren geht
Die Akustik erweist sich dabei als entscheidender Faktor. Die Festhalle ist für ihren mitunter schwierigen Klang bekannt, vor allem in den hinteren Bereichen. Bereits bei der Vorband The Mirror Trap wirkt der Sound wenig differenziert. Bei Placebo verbessert sich die Situation zwar deutlich, doch gerade bei den frühen Songs gehen Teile ihres ausgeprägten Grooves verloren. Was auf den Aufnahmen durch Spannung, Rhythmus und klangliche Reibung zusammengehalten wird, wirkt in der großen Halle stellenweise weniger prägnant.
Das ist umso bedauerlicher, als die frühen Stücke nicht unbedingt für einen Raum dieser Größe geschrieben wurden. Ihre Wirkung beruht häufig auf einer Mischung aus unmittelbarer Energie, kantigen Gitarren und einem Rhythmus, der die Songs nach vorn treibt. In der Festhalle erreichen die Musik und die Inszenierung zwar ein großes Publikum, doch die akustischen Bedingungen tragen nicht immer dazu bei, die Feinheiten dieser Stücke herauszuarbeiten.
Das Publikum nahm das Konzert dennoch positiv auf. Statt großer Bewegung im Saal war vielfach konzentriertes Zuhören zu beobachten. Die frühen Songs entfalteten ihre Wirkung also weniger über eine durchgehend mitreißende Dynamik als über ihre Präsenz und Wiedererkennbarkeit.
Bei Every You Every Me, das in den Zugaben erklingt, greifen die Elemente besonders überzeugend ineinander. Hier kommen die Eingängigkeit des Songs und seine rhythmische Energie auch im großen Rahmen zur Geltung. Die Begeisterung im Publikum ist deutlich spürbar.
Die Vergangenheit als bearbeitetes Material
Mit der Konzentration auf die ersten beiden Alben und der überarbeiteten Fassung des Debüts rücken Placebo ihre Anfangsjahre ins Zentrum, ohne sie einfach zu reproduzieren. Auf der Videowand wechseln sich Archivaufnahmen aus den 1990er-Jahren mit Live-Bildern der beiden Musiker ab. Die visuelle Rückschau zeichnet dabei allerdings ein selektives Bild der Bandgeschichte. Dass frühere Schlagzeuger im Bildmaterial fehlen, fällt auf und erinnert daran, dass zur Geschichte einer Band mehr gehört als ihre Songs.
Wie überzeugend die Überarbeitung des Debütalbums ausfällt, lässt sich an diesem Konzert nur bedingt beurteilen. Live prägen vor allem die heutige Besetzung, die Größe der Bühne und die Akustik den Eindruck. Die frühen Stücke behaupten sich auch unter diesen Bedingungen, wenngleich ihre rhythmische Kraft nicht immer vollständig zur Geltung kommt. Das Publikum zeigte sich begeistert. Der Abend machte zugleich deutlich, wie sehr sich die Rahmenbedingungen verändert haben, unter denen diese Musik heute gespielt wird.
Festhalle, Frankfurt am Main, 29.10.2026




