August Gaul: Tiere sind auch nur Menschen im Liebieghaus Frankfurt

August Gaul: Stehende Löwin
August Gaul: Stehende Löwin | © Liebieghaus Skulpturensammlung – Norbert Miguletz

Die Liebieghaus Skulpturensammlung zeigt bis zum 3. Mai 2026 eine bemerkenswerte Retrospektive des Bildhauers August Gaul (1869–1921). Unter dem Titel Tiere sind auch nur Menschen präsentiert das Museum rund hundert Tierplastiken im Dialog mit den Skulpturen aus der eigenen Sammlung. Die Ausstellung markiert Gaul als einen der ersten modernen Bildhauer Deutschlands und macht seine Bedeutung für die Entwicklung der plastischen Kunst im 20. Jahrhundert eindrucksvoll erfahrbar.

Kontext als kuratorisches Prinzip

Die Stärke der Ausstellung liegt in ihrer kuratorischen Konzeption. Anstatt Gauls Werk isoliert zu präsentieren, integriert das Liebieghaus die Tierplastiken in nahezu alle Bereiche der Sammlung. Ägyptische Tiermumien, antike Reiterstandbilder, christliche Symbolik und hellenistische Skulpturen treten in einen facettenreichen Dialog mit Gauls Arbeiten. Diese Kontextualisierung schafft produktive Spannungen. Die jahrhundertealte Tradition der Tierdarstellung – vom heiligen Stier bis zum heroischen Löwen – wird als Folie sichtbar, vor der sich Gauls radikaler Bruch mit symbolischer Aufladung umso deutlicher abzeichnet.

Im Ägyptischen Saal etwa stehen Gauls Plastiken neben mumifizierten Tieren und Götterbildnissen mit Tierköpfen. Die Gegenüberstellung macht deutlich: Während die altägyptische Kunst das Tier als Träger göttlicher Kraft inszeniert, zeigt Gaul das Tier als eigenständiges, fühlendes Wesen. Kein Symbol mehr, sondern Individuum.

Zwischen Präzision und Irrealität

Die ausgestellten Werke offenbaren eine faszinierende Bandbreite. Einige Arbeiten bestechen durch naturalistische Präzision, andere entwickeln eine fast surreale Qualität, die über bloße Beobachtung hinausgeht.

Die Stehende Löwin (1899–1900) gehört zu den eindrucksvollsten Exponaten. Ihre Wirkung entfaltet sich vor allem durch die eingesetzten Glasaugen, die dem Tier eine irritierende Präsenz verleihen. Der Blick wirkt lebendig, wach, beinahe beunruhigend. Im direkten Vergleich mit dem Stehenden Löwen – Variante 2 (1908–10/13) wird deutlich, wie gezielt Gaul mit unterschiedlichen Graden von Naturalismus arbeitet. Beide Skulpturen zeigen souveräne, ruhige Tiere, doch die Löwin erhält durch die Augen eine zusätzliche Dimension, die zwischen Abbild und Begegnung changiert.

August Gaul: Die Stehende Löwin und der Stehende Löwe im Vergleich
August Gaul: Die Stehende Löwin und der Stehende Löwe im Vergleich | © Liebieghaus Skulpturensammlung – Norbert Miguletz

Anders der Liegende junge Löwe (1916). Hier weicht Gaul bewusst von anatomischer Korrektheit ab. Der Kopf wirkt überdimensioniert, die Proportionen verschieben sich ins Fantastische. Das Tier erscheint dadurch nicht weniger überzeugend, sondern erhält eine eigenartige, traumhafte Qualität. Als würde sich hinter der Beobachtung eine zweite Ebene öffnen, auf der das Tier zum Fantasiewesen mutiert, ohne seine Erkennbarkeit zu verlieren.

Ähnlich ambivalent ist der Laufende Orang-Utan (1896). Das Gesicht ist präzise erfasst, ausdrucksstark und psychologisch dicht. Das Fell hingegen löst sich von naturgetreuer Wiedergabe. Es wirkt stilisiert, geradezu ornamental, und verleiht der Figur eine irritierende Künstlichkeit. Gerade diese Spannung zwischen realistischem Porträt und abstrahierter Textur macht die Arbeit reizvoll. Gaul zeigt hier, dass Naturalismus und Stilisierung keine Gegensätze sein müssen, sondern sich produktiv durchdringen können.

Antiheroische Gesten

Besonders überzeugend wird Gauls Modernität dort, wo er heroische Bildtraditionen unterläuft. Der Merkur (1901–13) ist hierfür exemplarisch. Anstelle des kraftvollen, idealisiert-athletischen Götterboten erscheint eine hagere, betont antiklassische Figur. Der Heroldsstab wird nicht hoheitsvoll präsentiert, sondern lässig geschwungen. Eine freche Absage an akademische Konventionen, die sich auch in Gauls humorvoller Entscheidung zeigt, galoppierende Schweine als Relief am Gebäudeerker anzubringen – eine Persiflage antiker Friese, die ihre Wirkung nicht verfehlt.

Adler für das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal
Adler für das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal | © Liebieghaus Skulpturensammlung – Norbert Miguletz

Der im Museumsgarten aufgestellte überlebensgroße Adler für das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal führt diese Strategie fort. Gaul zeigt den Vogel nicht in imperialer Pose, sondern im Landeanflug auf sein Nest. Fürsorge statt Macht. Natürliches Verhalten statt politischer Symbolik. Ein bemerkenswertes Statement, das die fragwürdige Ideologie des wilhelminischen Monuments subtil unterläuft.

Naturalismus als wissenschaftliche Haltung

Gauls Werk steht im Kontext zeitgenössischer Naturwissenschaft. Charles Darwins The Expression of the Emotions in Man and Animals (dt. Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren) von 1872 hatte die Ausdrucksfähigkeit von Tieren als Beleg für die Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier beschrieben. Gaul überträgt diese Erkenntnis auf die Skulptur. Seine Tiere sind keine Projektionsflächen, sondern Beobachtungsobjekte. Die jahrelangen Zeichenstudien im Berliner Zoo, bilden die Grundlage dieser Arbeitsweise.

Die Ausstellung stellt diese Verbindung explizit her, etwa durch die Gegenüberstellung von Gauls Orang-Utan-Kopf „Jumbo“ (1895) mit einem antiken Porträt des römischen Kaisers Marc Aurel. Die formale Ähnlichkeit ist verblüffend. Doch während die antike Büste Macht und Würde ausstrahlt, zeigt Gaul den Affen als fühlendes Wesen mit eigenem Charakter. Keine Hierarchie mehr, sondern Gleichwertigkeit.

Kopf von Orang-Utan „Jumbo" und Marc Aurel
Kopf von Orang-Utan „Jumbo“ und Marc Aurel | © Liebieghaus Skulpturensammlung – Norbert Miguletz

Privatsammlung und öffentliche Präsenz

Erstmals wird die bedeutende Frankfurter Privatsammlung von Carlo Giersch nahezu vollständig gezeigt. Knapp 90 Werke, überwiegend kleinformatige Bronzen, die Gaul schuf, als während des Ersten Weltkriegs Material knapp wurde. Diese Arbeiten offenbaren Gauls Fähigkeit, auch im reduzierten Maßstab Präsenz und Lebendigkeit zu erzeugen. Enten, Gänse, Esel und andere Tiere, die in der Kunst zuvor kaum Beachtung fanden, werden hier mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt wie Löwen oder Adler.

Ergänzt wird die Sammlung durch Leihgaben aus Berlin, Hamburg, Hanau und Leipzig, darunter auch großformatige Skulpturen und Fotografien von Gauls Arbeiten im öffentlichen Raum. Der Entenbrunnen am Kurfürstendamm und der Bärenbrunnen für die Liebermanns zeigen Gaul als Künstler, der die Grenzen zwischen Kunst und öffentlichem Leben bewusst auflöst.

Ambivalenzen und Grenzbereiche

Nicht alle Arbeiten überzeugen gleichermaßen. Manche kleineren Bronzen wirken dekorativ, ohne die konzeptuelle Schärfe der Hauptwerke zu erreichen. Auch die Inszenierung schwankt gelegentlich zwischen präziser Setzung und überfrachteter Didaktik. Die abschließende mediale Installation mit Tierdarstellungen aus sozialen Netzwerken will den Bogen zur Gegenwart schlagen, bleibt jedoch oberflächlich. Der Vergleich zwischen Gauls reflektierter Tierbeobachtung und heutigen Instagram-Katzen funktioniert nicht, da die medialen und ästhetischen Voraussetzungen zu unterschiedlich sind.

Dennoch: Die Ausstellung gelingt als Gesamterlebnis. Sie macht erfahrbar, wie Gaul das Tier aus jahrhundertealter Symbolik befreit und als eigenständiges Subjekt sichtbar macht. Eine Position, die heute, angesichts von Klimakrise und Artensterben, von unerwarteter Aktualität ist.

Die Ausstellung ist vom 13. November 2025 – 3. Mai 2026 in der Liebieghaus Skulpturensammlung zu sehen