
Nunki bezeichnet den zweithellsten Stern im Sternbild Schütze. Der Name klingt fremd, leicht mystisch, und passt damit perfekt zu Kahimi Karies sechstem Studioalbum, das 2006 bei Victor Entertainment erschien. Wer die japanische Sängerin noch aus den Neunzigern kennt, als sie Teil der Shibuya-kei-Szene war und französisch angehauchte Popsongs aufnahm, wird von Nunki überrascht sein. Das Album markiert einen radikalen Bruch. Statt loungiger Eleganz dominieren hier akustische Texturen, experimentelle Klanglandschaften und eine fast kammermusikalische Intimität.
Einstieg in eine andere Welt
Der Opener 呼続 setzt sofort einen ungewöhnlichen Ton. Drones legen sich über den Raum, dazu erklingt eine Sho, ein traditionelles japanisches Blasinstrument, dessen fast elektronisch wirkender Klang sich mit Kahimis zarter, mädchenhafter Stimme verbindet. Sie rezitiert auf Französisch, entrückt und verloren zugleich. Der Track wirkt wie ein Tor, das sich öffnet und in eine Klangwelt führt, die sich nicht an Pop-Konventionen orientiert. Es folgt ein Album, das sich wie ein Tag in der Natur anfühlt: Wasserplätschern, Regentropfen, das Rascheln von Kieselsteinen. Naturgeräusche werden zu Instrumenten, während Gitarren und elektronische Flächen wie Sonnenlicht, Wind oder fließendes Wasser wirken. Kahimi selbst beschrieb in Interviews, dass auf Nunki die Grenze zwischen natürlichen Klängen und musikalischen Instrumenten verschwimmt.
Diese Herangehensweise prägt das gesamte Album. All Is Splashing Now etwa inspirierte sich an einem Fernsehbeitrag, in dem Kahimi das Geräusch blühender Blumen hörte. Das Wassergeplätscher im Stück wurde von Jazz-Schlagzeuger Akira Sotoyama erzeugt, der hier nicht auf Becken oder Trommeln setzt, sondern auf Soundeffekte. Die Musik wird zu einer immersiven Erfahrung, die Bilder im Kopf entstehen lässt, ohne dabei aufdringlich oder kitschig zu werden.
Eine Stimme ohne Vergleich
Kahimi Karies Stimme ist das zentrale Element von Nunki, und sie bleibt schwer zu beschreiben. Sie besitzt keine kraftvolle Projektion, keine technische Perfektion im klassischen Sinn. Dennoch bemüht sie sich, mit Nachdruck zu singen, was zu einem faszinierenden Effekt führt: Die Stimme klingt zerbrechlich und zugleich bestimmt, hauchig und doch präzise. Manchmal flüstert sie, manchmal spricht sie die Texte eher, als dass sie sie singt. Dieser unkonventionelle Umgang mit der eigenen Stimme erzeugt eine Intimität, die selten ist. Es gibt kaum Vergleichspunkte. Vielleicht lassen sich entfernte Parallelen zu Björk ziehen, doch Kahimis Ästhetik bleibt eigenständig.
Auf Nunki singt sie in vier Sprachen: Japanisch, Französisch, Englisch und Chinesisch. Die Texte, die sie selbst verfasste, kreisen um Licht, Liebe, Regen und Einsamkeit. Das klingt nach Melancholie, und tatsächlich liegt über dem Album eine stille Traurigkeit. Doch es gibt auch Momente von Wärme und spielerischer Leichtigkeit, etwa im lateinamerikanisch angehauchten Mirage oder im stillen, an Bossanova erinnernden Plastic Bag. Kahimi navigiert zwischen diesen Polen mit bemerkenswerter Sicherheit.
Drei Perspektiven
Nunki wurde von drei Produzenten betreut: Otomo Yoshihide, Jim O’Rourke und Yann Tomita. Otomo Yoshihide, in Japan eine Legende zwischen Free Jazz, Noise und experimenteller Musik, hatte Kahimi 2005 in sein New Jazz Orchestra geholt. Jim O’Rourke stammt aus der Chicagoer Avantgarde-Szene und spielte unter anderem bei Sonic Youth. Jan Tomita bewegt sich zwischen Elektronik, J-Pop und experimentellen Randbereichen.
Diese drei Perspektiven prägen das Album entscheidend. Otomo Yoshihide steuerte acht Stücke bei, darunter das minimalistische そのほかに mit Gitarre und Summen, verstärkt durch den Klang von Sinuswellen. Auch das avantgardistische 太陽と月 stammt von ihm: verzerrte E-Gitarre, noisige Klangeffekte, Kahimi rezitiert ohne Melodie oder Rhythmus. Jim O’Rourke zeichnet sich für drei Tracks verantwortlich, darunter das majestätische He Shoots the Sun mit elektrischen Gitarrenarpeggios und einer fast transzendenten Atmosphäre. Yann Tomita komponierte das erfrischende I’m in the Rain, bei dem ein Chor und elektronische Drones eine unerwartete Wärme erzeugen.
Unter den beteiligten Musikerinnen und Musikern findet sich auch Keigo Oyamada, besser bekannt als Cornelius, der Gitarre spielt.
Zwischen Zugänglichkeit und Experiment
Nunki ist kein einfaches Album. Es verweigert sich Pop-Strukturen, setzt auf Reduktion und Stille, lässt Raum und Pausen wirken. Dennoch bleibt es überraschend zugänglich. Die Melodien sind vorhanden, wenn auch oft fragmentiert oder verborgen. Die Atmosphäre ist dicht, ohne erdrückend zu werden. Tracks wie Le Cheval Blanc mit Gitarre, Violine und Harfe besitzen eine stille Schönheit, die berührt. You Are Here for a Light schließt das Album mit einer ruhigen, fast meditativen Qualität ab: Kahimis Narration über einfache Akkordfolgen, begleitet von E-Gitarre, Bass, Schlagzeug, Orgel, Harfe, Cello, Violine und Vibraphon.
Wer Kahimi Karies frühere Arbeiten kennt, wird hier ein anderes künstlerisches Selbstverständnis vorfinden. Nunki ist erwachsen, ernst, konzentriert. Es verzichtet auf Koketterie und Verspieltheit zugunsten einer tiefen, fast spirituellen Auseinandersetzung mit Klang und Stille. Das Album wirkt wie eine intime Stunde unter einem Vollmond, der schließlich hinter Regenschleiern verschwindet.
Nach Nunki arbeitete Kahimi 2008 mit Otomo Yoshihide und Jim O’Rourke an der Installation Quartets, die das Album konzeptuell weiterführte. 2010 erschien ihr siebtes Album It’s Here, das erstmals eigene Kompositionen enthielt. Seitdem ist es still geworden. Nunki bleibt damit nicht nur ein künstlerischer Höhepunkt, sondern auch ein Abschluss einer Phase, in der Kahimi Karie zeigte, wie radikal Pop sich öffnen kann, wenn er sich vom Mainstream löst.
Victor Entertainment, 2006




