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	<title>Shirley Collins-Archiv - Main Kritik</title>
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	<description>Kust- und Kulturkritiken aus dem Rhein-Main-Gebiet</description>
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		<title>Current 93: The Inmost Light</title>
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		<dc:creator><![CDATA[main-admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 11:40:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Alessandro Moreschi]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Albumkritik: The Inmost Light-Trilogie von Current 93 zwischen apokalyptischem Folk, Dark Ambient und spiritueller Obsession. David Tibet entfaltet eine radikal persönliche Klangvision aus Stimmen, Fragmenten und experimentellen Strukturen, die Themen wie Verlust, Kindheit und Transzendenz umkreist.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://mainkritik.de/current-93-the-inmost-light/">Current 93: The Inmost Light</a> erschien zuerst auf <a href="https://mainkritik.de">Main Kritik</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
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<div style="height:20px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">In den Achtzigern waren Current 93 bekannt für ihren düsteren Post-Industrial-Sound: atonale Loops, besessener Gesang, religiöse Obsession. Sänger <strong><a href="https://www.davidtibet.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">David Tibet</a></strong>, Nukleus der Band, erweiterte jedoch kontinuierlich sein musikalisches Vokabular. Britische Folk-Acts wie Shirley Collins, Comus und The Incredible String Band prägten zunehmend seine Arbeit. Mit <em>Thunder Perfect Mind</em> (1992) gelang der Durchbruch: ein Album, das den Begriff Apocalyptic Folk prägte und zur Jahrtausendwende zu den Schlüsselwerken des späteren Freak Folk gezählt wurde, das Musikerinnen und Musikern wie Devendra Banhart oder Joanna Newsom den Weg ebnete. <em>Of Ruine or Some Blazing Starre</em> (1994) folgte, minimalistischer und fokussierter, durchzogen vom Gitarrenspiel <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Cashmore" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><strong>Michael Cashmores</strong></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der eigentliche Höhepunkt sollte eine Trilogie werden, veröffentlicht 1995 und 1996: <em>Where The Long Shadows Fall</em>, <em>All The Pretty Little Horses</em> und <em>The Starres Are Marching Sadly Home</em>, 2007 als Box unter dem Titel <em>The Inmost Light</em> zusammengefasst. Drei thematisch verwobene Aufnahmen, die Verlust, Kindheit und Erlösung umkreisen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Konzept und Titel</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Titel stammt von Arthur Machen, dessen gleichnamige Geschichte die Essenz menschlicher Existenz erforscht. Bei Tibet, durchdrungen von religiöser Weltsicht, lässt sich <em>The Inmost Light</em> vermutlich als Bild für die Seele lesen. Die Trilogie kreist um den Verlust kindlicher Unschuld. Sie setzt einen Zustand voraus, in dem der Mensch noch nicht korrumpiert ist, zeigt dann jedoch, wie diese Unschuld schwindet. Nicht durch das Böse selbst, sondern durch die langen Schatten der Erwachsenenwelt, durch Tod und die Unausweichlichkeit einer drohenden Apokalypse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Thema wird aus verschiedenen Richtungen aufgefächert: religiöse Anspielungen, Texte von Thomas Ligotti, Bezüge zum Werk des Malers Louis Wain. Die Einnahmen aus <em>Where The Long Shadows Fall</em> wurden sogar zur Restaurierung von Wains Grab gespendet. Patripassianismus, die theologische Vorstellung, dass Gott selbst am Kreuz litt, durchzieht mehrere Stücke. Die Idee: Gott sandte sich selbst, um für Sünden zu leiden, die uns die Kindheit rauben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Where The Long Shadows Fall</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Trilogie beginnt mit <em>Where The Long Shadows Fall (Beforetheinmostlight)</em>, einer einseitigen EP. Auf Vinyl blieb die B-Seite leer, ein bewusstes Statement. Das gleichnamige Stück erstreckt sich über 19 Minuten und basiert auf einem Loop von Alessandro Moreschi, dem letzten Kastraten, von dem Aufnahmen existieren. Seine fragile Falsettstimme singt „Domine“ über die gesamte Laufzeit. Dazu treten Drones, Michael Cashmores Gitarre und im Hintergrund kaum hörbar die Stimme von John Balance (<strong><a href="https://www.brainwashed.com/coil/" type="link" id="https://www.brainwashed.com/coil/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Coil</a></strong>), der fragt: „Why can’t we all just walk away?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Stück entfaltet eine hypnotische Wirkung. Tibets Sprechgesang legt sich darüber und setzt thematische Akzente. Der Loop droht bei wiederholtem Hören irritierend zu wirken, doch gerade diese Penetranz ist Teil des Konzepts. Die Kastratenstimme steht sinnbildlich für den Versuch, Jugend festzuhalten, doch auch der Kastrat altert. Unvermeidlich.</p>



<h2 class="wp-block-heading">All The Pretty Little Horses</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>All The Pretty Little Horses (TheInmostLightItself)</em> bildet das Zentrum der Trilogie, ein vollständiges Album. Es beginnt mit „The Long Shadow Falls“, einem konzeptuellen Rückgriff auf die vorherige EP. Diesmal ist Balances Frage deutlich hörbar, bevor das titelgebende Kinderlied aus den Appalachen folgt. Tibet flüstert den Text und verwandelt das Schlaflied in etwas Unheimliches. Das Stück kehrt am Ende des Albums wieder, diesmal gesungen von Nick Cave, dessen tiefe, markante Stimme das Ende der Kindheit symbolisiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die nachfolgenden Stücke erforschen Folk in seiner reinsten Form. Cashmores Fingerpicking ist brillant aufgenommen, jede Saite schwingt hörbar nach, Tibets Stimme wandert zwischen den Stereokanälen und erzeugt einen Dialog mit sich selbst. Verantwortlich für die Produktion ist Stephen Stapleton von <strong><a href="https://www.nursewithwound.co.uk/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Nurse With Wound</a></strong>. Selbst heute wirkt sie außergewöhnlich reich und atmosphärisch. Besonders <em>The Bloodbells Chime</em> sticht heraus: eine Hommage an Louis Wain, eine fragile Klaviermelodie, Cashmores resonante Gitarre, ein Moment von fast entwaffnender Schönheit.</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio"><div class="wp-block-embed__wrapper">
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</div></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>This Carnival is Dead and Gone</em> und <em>Calling for Vanished Faces II</em> vertiefen die Auseinandersetzung mit Tod und Verlust. <em>The Frolic</em> kippt ins Verstörende, eine Stimme schreit „Dead!“ mit eruptiver Intensität. <em>Twilight Twilight Nihil Nihil</em> unterbricht mit Dark-Ambient-Atmosphäre und bereitet vor auf <em>The Inmost Light Itself</em>, ein episches Stück mit einem von Tibets düstersten Texten. Dazu treten Cashmores Gitarre und Joolie Woods Klarinette. Im Hintergrund sind Kinderstimmen zu hören, die zunehmend zwischen Spiel und drohender Katastrophe oszillieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Album endet versöhnlich: Nick Caves Interpretation von <em>All The Pretty Little Horses</em>, gefolgt von <em>Patripassian</em>, bei dem Cave Blaise Pascals existenzielle <em>Pensées</em> über einen Loop von Carlo Gesualdos <em>Miserere</em> rezitiert. Ein desolater, einsamer Moment.</p>



<h2 class="wp-block-heading">The Starres Are Marching Sadly Home</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>The Starres Are Marching Sadly Home (Theinmostlightthirdandfinal)</em> schließt die Trilogie. Wieder eine einseitige EP, 22 Minuten, experimenteller als die beiden Vorgänger. Das knarrende Holz eines großen Schiffs, Tibets künstlich gedehnte, verschmierte Stimme, eine zerfallende Klangstruktur als Grundlage. Andria Degens von <strong><a href="https://pantaleimon.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Pantaleimon</a></strong> liest den finalen Teil von Tibets Text, während das Stück zunehmend lauter und chaotischer wird, bis weißes Rauschen alles überlagert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Abschluss bildet Shirley Collins’ a cappella-Version von <em>All The Pretty Little Horses</em>. Ihre mütterlich wirkende, klare Stimme verleiht dem Stück eine nostalgische Qualität, eine Erinnerung an verlorene Unschuld. Doch der Text kippt ins Bedrohliche: diesmal flattern die Bienen und Schmetterlinge nicht mehr um die Augen, sondern picken sie aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegenüber den beiden anderen Teilen fällt dieser dritte leicht ab. Er wirkt wie eine überflüssige Vergoldung nach dem perfekten Abschluss von <em>All The Pretty Little Horses</em>. Für sich genommen bleibt <em>The Starres Are Marching Sadly Home</em> jedoch ein faszinierendes Werk, das die Trilogie konzeptuell abrundet, auch wenn es emotional nicht die Intensität des Vorgängers erreicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Besessenheit und Perfektion</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was diese Trilogie auszeichnet, ist ihre kompromisslose Intensität. Tibet arbeitete Mitte der Neunziger abseits des Mainstreams und baute dennoch eine loyale Fangemeinde auf, die jedes Wort auf die Goldwaage legte. <em>The Inmost Light</em> ist das Resultat einer kreativen Besessenheit, in der Tibet seine vokale Ausdruckskraft bis an die Grenze steigerte, während die Musik seine Stimme nahezu organisch umfloss. Die Produktion ist so makellos, dass kaum zu glauben ist, dass keine große Plattenfirma beteiligt war. Stapleton, Cashmore und Tibet schufen hier ein intensives Werk, das sich neben seinen Vorbildern aus der Folk-Tradition behauptet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Jahrtausendwende scheint sich diese Intensität aufgelöst zu haben. Neuere Current 93-Alben sind technisch perfekt, erreichen jedoch nicht mehr die Sogwirkung der Aufnahmen aus den Neunzigern. Vermutlich liegt es an jener dunklen, glitzernden Besessenheit, die Tibet einst antrieb und die mit der Zeit an Intensität verlor.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zeitloses Meisterwerk</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>The Inmost Light</em> ist kein Album für nebenbei. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf existenzielle Abgründe einzulassen. Wer diese Zeit investiert, begegnet einem Werk von außergewöhnlicher Dichte und zeitloser Strahlkraft. Die Verbindung aus Folk-Tradition, experimenteller Produktion und spiritueller Obsession wirkt singulär. Tibet gelingt hier, woran viele scheitern: eine radikal persönliche Vision in eine Sprache zu überführen, die unmittelbar emotional wirkt, ohne je ins Einfache zu kippen.</p>


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    "><strong>Current 93</strong>: <i>The Inmost Light</i> (Box-Set, 2007)</p>
<ul>
<li><strong>Enthält:</strong> Where The Long Shadows Fall (Beforetheinmostlight) (1995), All The Pretty Little Horses (TheInmostLightItself) (1996), The Starres Are Marching Sadly Home (Theinmostlightthirdandfinal) (1996)</li>
<li><strong>Konzept, Texte, Gesang:</strong> David Tibet</li>
<li><strong>Gitarre / zentrale Musik:</strong> Michael Cashmore</li>
<li><strong>Produktion / Mixing:</strong> Steven Stapleton</li>
<li><strong>Gäste (Auswahl):</strong> Nick Cave, John Balance (Coil), Shirley Collins, Joolie Wood, Andria Degens (Pantaleimon)</li>
<li><strong>Label:</strong> Durtro / Jnana (Reissue 2007)</li>
<li><strong>Originalveröffentlichung:</strong> Durtro / World Serpent Distribution (1995–1996)</li>
</ul>
<p></div>
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